Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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bar nach dem Hinscheiden des Franz
richtet er an die Ordensgenossen ein
Schreiben, in welchem er den Tod des
gemeinsamen Vaters anzeigt. Uns liegt der
Brief vor in der Ausgabe der Vita triam
sociorum v. Amoni1) p. ](J4 s. s.
Zunächst gibt er seinem Schmerz über
das Scheiden des Heiligen in überaus
kindlicher und herzlicher Sprache Ausdruck,
geht aber dann von der herzerschütternden
Klage zum Trost über, da der Vater vor
seinem Tode alle seine Söhne gesegnet
habe, ivie ein zweiter Jakob. Nun fährt
er fort: ich verkündige Euch eine große
Freude und ein Wunder, wie, seitdem die
Welt steht, keines erhört worden ist;
„aam diu ante mortem frater et pater
noster apparuit crncifixus, quinque-
plagas, quae vere sunt Stigmata Christi,
portans in corpore suo; nam manus
eius et pedes quasi puncturas ela-
vorum liabuerunt ex utraque parte
confixas, reservantes cicatrices et cla-
vorum nigredinem ostendentes; latus
vero eius lanceatum apparuit et saepe
sanguinem evaporavit.“

„Denn lange vor seinem Tode erschien
unser Bruder und Vater gekreuzigt, indem
er fünf Male, die in Wahrheit Stigmata
Christi sind, an seinem Leibe trug; denn
seine Hände und Füße hatten eine Art
Stichmale von N'ägeln, an beiden Seiten
angefügt ; sie behielten die Narben bei und
zeigten die schwärzliche Farbe von Nägeln;
die Seite aber ivar mit einer Lanze durch-
bohrt und schwitzte oft Blut aus."

Da die Gegner aus diesen Bericht alles
halten, d. h. alles Spätere auf ihn zurück-
führen, so ist es ungemein wichtig, den
Wortlaut des Eliasbriefes recht zu verstehen.
Vor allem sagt Elias, daß Franziskus
schon lange (narn diu) vor seinem Tode
gekreuzigt aussah. Sofort erklärt er,
worin dieses Gekreuzigtsein bestand. Er
trug nämlich fünf Male (plagas) an sich,
an seinem Leibe, welche wahrhaft Stigmata
Christi sind. Sofort teilt er diese fünf
plagae in solche, die an Händen und
Füßen sind und eine an seiner Seite.
Hände und Füße hatten ,,quasi punctu-
ras clavorum“. Was will dieser Aus-
druck besagen? Offenbar will Elias mehr

') Legenda 8. Francisci Ass., a. b. b. Leone,
Rufino, Angelo eius sociis, scripta etc. Roma 1880.

sagen als das, daß an den Händen und
Füßen eben W u n d e n waren — er
meidet den Ausdruck „vulnera“ — son-
dern es waren Stichmale, die mit Nägeln
in Beziehung standen, sei es, daß sie von
Nägeln herrührten oder ans Nägeln be-
standen (Genetivus epexegeticus —
Stichmale, nämlich Nägel). — Elias ringt
in Anbetracht der gänzlichen Neuheit und
Unerhörtheit der Erscheinung mit dem
Ausdruck, weswegen er auch das Wörtchen
„quasi" beifügt. Die Stichmale waren
auf beiden Seiten angebracht (confixae),
waren aber verheilt und zeigten die schwärz-
liche Farbe von Nägeln. Die Seite ferner
erscheint von einer Lanze durchbohrt und
schwitzte oft Blut aus (evaporavit).

Elias hat sein Schreiben offenbar rasch
nbfassen müssen, um den in der weiten
Welt zerstreuten Brüdern die Kunde von
dem großen Tranerereignis möglichst
schnell mitteilen zu können, ein zweiter
Grund — neben der vollständigen Neu-
heit der Erscheinung, das; Elias die Wund-
male nicht ausführlich beschreibt, son-
dern eben nur nennt, dabei aber uns
doch ahnen läßt, wie die Sache eigentlich
ausgesehen hat. Jedenfalls haben die
Gegner nicht das Recht, wie sie eS tun,
den Wortlaut dieses Briefes als die
einzige Quelle hinzustellen, ans die schließ-
lich alles zurückgehe (Thode, Franz von
Assisi, S. 54 Anm.). Der Brief des Elias,
rasch entworfen und expediert, konnte die
Wundmale noch nicht in der erwünschten
Weise beschreiben. Das haben andere
getan und konnten es tun, die wir zum
mindesten ebensogut als Qneltenschrift-
steller über Franz annehmen dürfen.

Noch sei bemerkt, daß nach der Dar-
stellung des Elias nur die Seitenwunde
blutete und zwar nur dann und wann,
ein Umstand, auf den wir noch später
zurückkommen werden, ebenso wie ans die
Lesart „nam diu“, die von den Gegnern
in non diu abgeändert werden will, so
von Lempp, „Elias von Cortona" 0 p. 03.
— Die zweite Quelle, welche uns über
die Wundmale des hl. Franz, und zwar
eingehender berichtet, sind die Arbeiten
des Thomas v o n C e la n o, des Dich-

i) Collection d’etudes et de documents sur
l’histoire religieuse et literaire du Moyen äge.
Paris 1901 III.
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