Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 84
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scheu Stil. Auch die ungemein prachtvolle
und bedeutend augelegte Kathedrale der
normänuischen Hauptstadt, die, vou 1212
bis 1280 ausgeführt, der mächtigste Bau
iu dieser Gegend ist, trägt uaiueutlich au
dein nördlichen Seiteuportal ihrer ivirkuugs-
volleu Fassade noch romanische Re-
miniszenzen. — Die Choranlage meist drei
Apsiden auf, deren mittlere in späterer
Zeit durch eine langgestreckte Fraueukapelle
ersetzt wurde. Interessant und sonst nicht
häufig ist die Verwendung der Säulen im
Chor. Der Qnerban ist dreischiffig mit
Apsiskapellen. Den luftigen Bauten von
Amiens und Beanvais gegenüber weisen
die Pfeiler eine gehörige Stärke und Trag-
kraft ans; an Stelle der Wnporen sind
Arkadenbögen; darüber ein kleines Tri-
forium und über diesem wiederum mit
Zeichen späterer Veränderungen Oberfenster,
deren Maßwerk wie das derer im Chor
spätgotischen Charakter trägt.

Das Aeußere ist außerordentlich wür-
dig und eindrucksvoll. Die Westfassade ist
ein dreiteiliger Bau und bietet einen macht-
vollen Anblick namentlich deswegen, weil
beiderseits über die Seiten des Gebäudes
hervortretend sich ein starker viereckiger
Turm vorlegt. — Besonders interessant
ist zur Seite der Kathedrale der Kreuz-
gang, der einen trefflichen Stil ans der
Mitte des 13. Jahrhunderts anfweist.
Zum Studium geeignet wäre vor allem
die Fensterarchitektur des Obergeschosses.

Nicht unerwähnt soll ans Nonen noch
die reizvolle Kirche St. Qnen bleiben
mit ihrem eleganten, dreischissigen Lang-
haus. Sie gibt ein Beispiel des frei ent-
wickelten, schmuckvollen Stils des 14. Jahr-
hunderts; doch mehren sich hier bereits
die Anzeichen einer 511 weit getriebenen
Schlankheit und Eleganz.

Man würde aber eine ganz irrige An-
sicht vou beut Kunstwert, den das nörd-
liche Frankreich birgt, haben, wollte man
annehmen, daß das Interesse an kirchlicher
Kunst nur in den geistigen Zentren der
größeren Städte, an den Kathedralen und
Domen Nahrung fände. Wer immer die
Gaue der Jle-de-Frauce, der Normandie
oder Pikardie durchwandert, findet außer-
ordentlich viele Beispiele namentlich des
gotischen Stils in den kleinen Städten
und ländlichen Gemeinden, die bem Archi-

tekten wegen ihrer größeren Uebersichtlich-
keit und entsprechenden Einfachheit als
Gegenstand des Studiums in manchen
Beziehungen noch nützlichere Dienste leisten
können. Aber auch dein kunstverständigen
Laien bieten sie durch die außerordentliche
Mannigfaltigkeit ihrer Formen einen nicht
geringen Genuß. Dein Kulturhistoriker
des Mittelalters ersteht in ihnen ein über-
wältigeudes Material, das ihn vor ein-
seitiger Beurteilung dieser Zeit unbedingt
warnt. Diese imb andere Gesichtspunkte
machen solche Wanderungen in hohem
Maße ersprießlich!

Das Germanische Aluseum zu
Nürnberg voit (852 bis (902.

(Fortsetzung.)

11. Das G er in an i s ch e Alu s e k m i n
den Jahren 1 862 bis 1866
(die Krisenjahre).

Die Zeit nach dem Rücktritte des Frei-
herrn von Aufseß, die Jahre 1862 bis
1866, bezeichnet der Verfasser unserer
Jubiläumsschrift mit „die Krisenjahre",
und in der Tat waren es kritische Jahre,
ivelche die Freunde des Museums mit
bangen Sorgen erfüllen mußten, weiiii sie
bedachten, daß ja der Haupt- und Grund-
stock der hier vereinigten Schätze nur —
und zivar zuerst ans 10, dann (1857)
auf20 Jahre, also bis zum 1. Oktober 1873
— von dem Freiherrn von -tufseß her-
geliehen sei, und daß diese ganze
Sammlung von ihrem Besitzer oder seinen
Erben zurückgezogen werden müßte und
würde, falls bis zu dem bezeichneteu
Termin von dem Museum nicht der
Schätzungswert von rund 120 000 Gulden
erlegt sein werde. Wie aber sollte das
Museum bei dem schon ohnehin mißlichen
Stande seiner Finanzen in absehbarer
Zeit eine solch' beträchtliche Summe auf-
bringen? Dazil kam nach dem Rücktritte
von Aufseß die Frage nach einem neuen
Vorstände und der unglückliche Umstand,
daß sich der Verwaltungsausschuß in
seiner Wahlversammlung vonc 27. Oktober
1862 für einen Mann als seinen Nach-
folger entschied, der genau wie Aufseß die
Sechzig bereits überschritten hatte, für den
Geheimen Justizrat Or. Michelsen,
einen geborenen Schleswig-Holsteiner. Er
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