Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 88
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das über der Person deS für unsere Kenntnis
mittelalterlicher Symbolik so wichtigen Honorius
Augustodunensis bisher schwebte; der andere Teil
gibt eine ikonographische Deutung des bisher nicht
enträtselten Bildwerks an dem berühmten Regens-
burger Schottenportal.

Noch Or. I. Sauer in seiner gründlichen Arbeit
über „Die Symbolik des Kirchengebäudes und
seiner Ausstattung in der Auffassung des Mittel-
alters" (Herder 1902) spricht sich dahin aus, das;
Honorius zwar unzweifelhaft „die letzten Lebens-
jahre im deutsch-österreichischen Donaugebiet zu-
gebracht" habe, fügt aber bei, das; man ins Ge-
biet unbeweisbarer Kombination gerate, sobald
man seine Anwesenheit für irgend einen be-
stimmten Ort festzulegen suche. Auf dem Wege
einer wirklich geistreichen Kombination gelangt
nun aber Professor Endres doch zu dem über- j
raschenden Schluß, das; Honorius Schottenmönch .
war, das; er — wahrscheinlich in Weih St. Peter
bei Regensburg — als Rekluse lebte, und das; !
der Dedikationsbrief zur Psalmenerklärung an
Abt Christian von St. Jakob und der zum Hohen-
liedkommentar an Abt Gregor l. desselben Klosters
gerichtet sei, unter welch'letzterem (ca. 1156 — 85)
das St. Jakobsportal ja erbaut wurde.

Allerdings, die Kombination, worauf dieser
Schluß ruht, ist zwar ein kühnes, aber auch ein etwas
luftiges Gebäude, das der Kritik manchen An-
griffspunkt bietet. So scheint die Umdeutnng des
vielumstrittenen Augustodunensis in „Augustinen-
sis", ferner die Annahme einer so engen Ver-
bindung des Honorius mit Canterbury, überhaupt
seine Zugehörigkeit zu den Schotten und so das
Fundament der ganzen Ausführung doch etwas
zu schwach begründet. Auch die Art und Weise,
wie von den beiden int Dedikationsschreiben zum
Hohenliedkommentar in den ältesten Handschriften
genannten Adressaten Symon und Chonon der
erstere ganz eliminiert, der andere in „Christianus"
umgelesen wird, kann erhebliche Bedenken wach-
rufen.

Die Aufstellungen des Verfassers bezüglich des
Honorius haben ja gewiß viel Bestechendes, doch
würden sie sich über den Wert einer, ivenn auch
geistreichen Hypothese, erst dann erheben, wenn
sich aus bisher nicht berücksichtigten älteren
Handschriften iveiteres einwandfreies Beweisma-
terial in diesem Sinne beibringeil ließe.

Sehr ivertvoll und hochinteressant sind die
Kapitel 4 und 5 über „Des Honorius Kommentar
zum Hohenliede" und über die Buchillustrationen
zn diesem Kommentar. Hier gewinnen Ivir einen
wohl den meisten überraschenden Einblick in die
tiefe, oft wunderbar poesievolle Synibolik des frühen
Mittelalters. Zu den illustrierten Honorius-Ko-
dizes hätte noch Maihingen I. 2 (lat.) fol. 13
(12. Jahrhundert, aus Füssen stammend) beige-
zogcn werden können, dessen Titelbild eine etwas
andere Auffassung zeigt, als clm. 4550.

Was nun die ikonographische Deutung der
Bitder des Schottenportals anlangt, dieses „Krenzes
der Kunstforscher", wie Sighart es nennt, so ge-
bührt Professor Endres unbedingt das Verdienst,
zu deren Erklärung auf das Hohelied und seine
Auffassung im Mittelalter hingewissen zu haben,
ivie sie uns namentlich auch bei Honorius ont-
gegentritt. In der Tat fällt hiedurch «nf manche

bisher dunkle Figur dieses Bilderportals ein über-
raschendes Licht. So erklärt sich die der Ma-
donna korrespondierende Königsgestalt sehr gut
als Sponsus (Salomo—Christus), die lugelver-
schlingcude Drachengestalt ist nicht mehr der ger-
manisch-mytische Mondwolf Managarmr, sondern
der Corcodrilhis, welcher den igelartigen Enidrus
verschlingt und dadurch zu Grunde geht (Symbol
des durch Christus bezivungeneu Teufels), auch
die Liebespaare, ivelche die Madonna umgeben,
sind gut gedeutet, und selbst der Erklärung der
rätselhaften, de» l’rädicaiores beigegebenen Figur
als Mandragora möchten wir beistimmen, obwohl
letztere in alle» gleichzeitigen Buchillustrationen
anders, nämlich als unbekleidete, wohlgebildete
Frauengestalt dargestellt wird. Die ganze Deu-
tung ist mit viel Geist und Phantasie gegeben
und stützt sich auf eine reiche Kenntnis der gleich-
zeitigen in Betracht kommenden Literatur. Aller-
dings scheint unS die Phantasie manchmal etwas
zu sehr zu dominieren, uild wir halten eS für
verfehlt, hinter jedem dieser Gebilde, selbst hinter
den Ornamenten, eine symbolische Bedeutung
suchen zu wollen. Solche Pflanzen- und aben-
teuerlichen Tierformen haben» doch nachgewiesener-
maßen in der romanischen Kunst oft nur rein
ornamentale Bedeutung. Die Darstellung des
Aquilo als Drache findet doch wohl in der ge-
samten christlichen Kunst kaum ein Analogon, unb
die Deutung der beide»; Tiere in den untersten
Friesbögen links als die greges »Wallum ist ge-
künstelt. Das von einem Drachen erfaßte Tier
soll Christum bedeuten, der sich als vitulus sagi-
natus am Kreuz und in der Eucharistie für seine
Kirche hingibt, ivähreud der vo»n Schweife des-
selben Drachen umschlungene betende Mann als
Personifikalion des Götzendienstes gelten soll. Eine
derartige Verbindung zlveier sich so fernstehender
Gedanken »väre doch höchst wunderlich. Allerdings
»veiß der Verfasser zn Gunsten solcher Erklä-
rnngen Stelle»», namentlich a»»s Honorius, anzu-
führen, allein die Anschauung, als ob die bildende
Kunst jener Zeit direkt aus der gleichzeitigen
Symbolikliteratur geschöpft hätte -- was bei solchen
doch sehr abseits liegenden Gedanken hätte der
Fall sein müssen — ist unzutreffend, wie auch
l)r. Sauer nachweist.

In bem Kapitel „Zahlensymbolik am Portal-
bau" steht der Behauptung, die Zahl 8 gelte als
„vom Uebel", ein Wort des Honorius selbst (Zit.
Sauer p. 78) entgegen, wonach acht sogar die
eigentliche heilige Zahl des Neuen Bundes sei.

Wenn »vir einerseits die Arbeit von Professor
Dr. Endres als schätzenswerten Beitrag zur Lösung
»vichtiger und schwieriger Fragen begrüßen, so
können »vir anderseits auch der Freude dar-
über Ausdruck geben, daß es ein katholischer Ver-
lag ist, »velcher dem Werke eine so solide, schöne
Ausstattung zu teil werden lieh. Die vier Illu-
strationen aus clm. 4550 si»»d trefflich faksimiliert
und gewiß hochinteressant. Trotzdem »väre»» uns
an deren Stelle ein paar größere Teil aufnahmen
der Jakobspforte lieber geivesen, den»» auf dem
Titelblatt sind die meisten Details und auch
größere ungünstig beleuchtete Partien nicht mehr
zu unterscheiden.

Buchloe. vr. I. Dnnirich,

Benefiziat.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Bolksblatt".
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