Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 89
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tjerciusgegcbe» und redigiert von Pfarrer Dctzel iu St. Ltzrisiiiia-Ravensbiirg.

Verlag des Rotteulmrger Diözesan-Aimslvereiiis;
Aoimnifsioiisverlaa der Dornscheu Buchhandlung (Friede. Silber) in Ravensburg.

Lr. p.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die württembergischen, Al. 2.20
durch die bayerischen und die llieichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, FrcS. 3.40 in
der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen
sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Dornschen Verlagsbuchhandlung in S O*
Navensbnrg (Württemberg) ;u:n Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Ueber die Stellung der H. Vuielt-
sch er sehen Werkstätte zu den Angel-
altären im südlichen Deutschland.

Von Pfarrer vr. I. Probst.

Nach Laib und Schwarz gehören die
Flügelaltäre iu die dritte Periode des
Altaraufbaues.

Die Anfänge dieser Einrichtung, die
späterhin eine so imposante Ausbreitung
errang, weisen ans die engen Räume von
Seitenkapellen hin. An die Räume der
Hauptkirchen siedelten sich kleine Kapellen
an, von hervorragenden Patriziersfamilien
teils erbaut, teils wenigstens ausgestattet
als Ruhestätten ihrer Angehörigen. Der
enge Raum derselben sollte nicht bloß die
Familienepitaphe, sondern auch den Altar
anfnehmen; zu diesem Zwecke wurden beide
koinbiniert.

Das Oberfroutal des Altarbaues wurde
erweitert und gegliedert, leicht beivegliche
Teile (Flügel) an demselben angebracht,
die zur Aufnahme von bildlichen Dar-
stellungen bei dem Oeffnen und Schließen
derselben genügenden und geeigneten Raum
darboten. Eines der berühmtesten Monn-
meute dieser Art war, um ein Beispiel
anzuführen, der Geuter Altar der Ge-
brüder Hubert und Johann van Eyck.

Die Kathedrale des hl. Bavo mar (nach
Krackfuß) die stattlichste unter den Kirchen
von Gent, ein Sandsteinbau ans dem
13. Jahrhundert, deren Chor erst im
15. Jahrhundert mit Kapellen umbaut
wurde. Zahlreiche Familien und Genossen-
schaften hatten den Wunsch, ihren Gottes-
dienst in einem eigenen Raum, gesondert
von dem der Gemeinde, zu verrichten und

zugleich sich und ihren Angehörigen einen
Begräbnisplatz zu sichern.

So stiftete 1420 auch Jodokus Vydts,
Herr von Pameelen, ein angesehener und
hervorragender Bürger der Stadt und
seine aus dem Patriziergeschlecht der Bur-
luet stammende Gattin Jsabella eine Kapelle
für ihre Familien, deren Wappen in Glas-
malerei angebracht waren; den Auftrag
zur Ausschmückung des Altars mit Tafel-
malereien empfing Hubert van Eyck.

Auch noch der etwas spätere Kölner
Altar des Meisters Stephan (1440 bis
1450) war ursprünglich für die Kapelle
des Rathauses daselbst gefertigt, wie auch
die älteren Malereien in Nürnberg Epi-
taphien der dortigen Familien (Jmhof,
Deichsel rc.) augehörteu.

Hier finden sich somit die frühesten
Anfänge der T a f e l m a l e r e i, denen sich
alsbald auch die Holzschnitzerei zu-
gesellte und da jetzt auch die Oeltechnik
durch die Gebrüder van Eyck wesentliche
Fortschritte machte, so waren jetzt, zu An-
fang des 15. Jahrhunderts, die wichtigsten
technischen Faktoren vorhanden, welche
einen tiefgreifenden Umschwung in der
Geschichte der bildenden Kunst hervor-
riefen.

Um aber diesem in aller Stille und
Verborgenheit vollbrachten Umschwung zu-
gleich auch die erforderliche Expansivkraft
zu verleihen, mußte unseres Erachtens
noch ein weiteres Moment hiuzutreten,
die Anlehnung der Bildwerke
des Altaraufbaues mit seinen
Flügeln an den Zyklus des
K i r ch e n j a h r s.

So hervorragend der Gentner Altar
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