Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 90
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durch seine technische Ausführung und durch
seine sublime Idee (Anbetung des Lam-
mes) mar, so war doch gerade diese Idee
keineswegs leicht und selbstverständlich, sie
bedurfte sozusagen eines Kommentars.
Andererseits hatte der Kölner Altar zu
seinem Gegenstand wohl ein allgemein
bekanntes Geheimnis (Anbetung der hei-
ligen drei Könige), aber die Behandlung
desselben wurde in einer stark lokalisierten
Weise ausgeführt (durch die Beiziehung
des hl. Gereon und der hl. Ursula, der
Patronen der Stadt Köln) uub ähnlich
bei den Nürnberger Epitaphien.

In allen diesen Fällen waren somit
gewissermaßen Schranken gegen die Nach-
bildung und weitere Ausbreitung der
Flügelaltäre aufgerichtet und der Wunsch
konnte bei einem nicht näher beteiligten
Beschauer kaum aufkommen: das möchten
wir auch für unsere eigene Kirche haben.

Man stelle sich nun aber vor, daß ein
stattlicher Flügelaltar nicht in den engen
Räumen einer Seitenkapelle, sondern im
Chor der Kirche, im Angesicht der ganzen
Gemeinde sich erhob; daß derselbe nicht,
irgend einem Lokalheiligen gewidmet war,
sondern durch Oesfnen und Schließen der
Flügel sich an ben Zyklus des allbekannten
Kirchenjahrs: Kindheit, Leiden, Verherr-
lichung des Erlösers anschloß — das
mußte zünden, d. h. den Wunsch Her-
vorrufen, etwas ähnliches auch in der
eigenen Kirche, sei es nun eine impo-
sante Kathedrale oder eine bescheidene
Landkirche, zu besitzen. Keine andere
Verzierung, sei es mit Teppichen oder mit
reichen kostbaren Gerätschaften, vermochte
einen so starken Eindruck zu machen und
dabei war die Handhabung des erforder-
lichen Mechanismus beim Oesfnen und
Schließen ganz prompt und leicht. Aber
gerade dieser Gedanke einer Anlehnung
an den Zyklus des Kirchenjahrs war,
aus Gründen, die schon oben angegeben
wurden, nicht alsbald erfaßt und ausge-
sührt, sondern erst etwas später und es
mag die Mühe lohnen, nicht bloß das
Datum der ersten Flügelaltäre in unserer
Gegend zu fixieren, sondern auch näher
nachzusehen, wo und von wem (in unserer
Gegend) dieser glückliche Griff zuerst ge-
than wurde. Früher war eine Antwort
auf diese Frage nicht möglich; sie ist jetzt

ermöglicht durch die erfolgreiche Entdeckung
des Sterzinger Altarwerks durch meine»
verehrten Freund Fischnaler in Innsbruck,
an die sich dann auch noch andere an-
reihten.

Die Werkstätte des Hans Muelt-
scher, deren Wichtigkeit für die Kunst-
geschichte jetzt allgemein anerkannt ist
(durch die Arbeiten von F. v. Reber 1898
uub- Max Friedländer 1901) wurde be-
kanntlich in Ulm 1427 gegründet. Schon
1433 lieferte dieselbe den Kargschen Altar
im Münster daselbst, von dem jedoch bloß
die Inschrift sich erhalten hat.

Um so wichtiger ist das nächstfolgende
Werk, von dein wenigstens die Malereien
der Flügel, ivieder mit Inschrift und
Datum (1437), nach Berlin gekommen
sind. Friedländer verbreitet sich über die-
selben in bem Jahrbuch der K. preußi-
schen Kitnstsainmlnngen 1901 S. 253
bis 266 itnd gibt auch die Abbildungen
derselben, nämlich: Christi Geburt und
Anbetung der Weisen; Ausgießung des
heiligen Geistes und Tod Mariä ans der
Innenseite der Flügel; ans der Außen-
seite: Scene am Oelberg, Handivaschnng
des Pilatus, Kreuzschleppung und Auf-
erstehung.

Wenn auch das Mittelbild nicht er-
halten ist, so ist doch schon aus der Dar-
stellung der acht Gemälde das Bestreben
deutlich zu erkennen, das gesamte Er-
lösnugswerk im Bild vorzuführen, obwohl
die Ordnung der einzelnen Geheimnisse
nicht ganz genau eingehalten ist. Als
Mittelbild möchte man am liebsten eine
Krönung Mariä sich vorstellen.

Daß dieser Altar ein Epitaph irgend
einer Familie gewesen sein könnte, dafür
ist gar kein Anhaltspunkt vorhanden; es
wäre sicher nicht unterlassen worden, die
Namen und Bildnisse der Stifterfamilie
ans irgend tvelche Weise anzubringen. Bei
dem fast genau gleichzeitigen Altar (1438)
der Brüder Hans und Ivo Strigel von
Meinmingen, von dessen Flügeln sich zwar
nur literarische Kunde erhalten hat, die
aber möglicherweise doch noch gefnnden
werden könnten, ist die nähere Beziehung
desselben als Stiftung der Grafen von
Königseck und Werderberg ausdrücklich
durch Wort und Bild angegeben (1. c.
S. 255). Dagegen fehlt hier eine Be-
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