Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 91
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zugnahme auf beit Zyklus des Kirchen-
jahrs noch vollständig, sofern an der
Innenseite der Flügel sechs Figuren von
einzelnen Heiligen bargestellt sind, bereu
Nanien angeführt werben.

Eine Vergleichung dieser beiden Altäre,
die zeitlich und räumlich so nahe beiein-
ander entstanden sind, zeigt deutlich, daß
dieselben doch nicht auf dein gleichen Bo-
den erwachsen sind. Der Strigelsche
Altar steht noch ganz ans dem Boden der
in Seitenkapellen befindlichen Epitaphien;
der Altar von Mneltscher hat diesen Bo-
den schon verlassen, er wendet sich an eine
größere Gemeinschaft und hält ihr die
allgemein bekannten Erlösungsgeheimnisse
im Bild vor Augen; darin besteht ein
nicht zu verkennender Fortschritt.

Auch darüber kann kein Zweifel be-
stehen, daß Mneltscher die Malereien dieses
Altars selbst gefertigt hat, obwohl er ge-
lernter Bildhauer war; schon der Ort,
an welchem die Inschrift angebracht ist,
am unteren Rande des Gemäldes des
Todes Mariä, läßt keine andere Auf-
fassung zu.

Das nächstfolgende, in seinen einzelnen
Teilen noch erhaltene Werk der Mnelt-
scherschen Werkstätte befindet sich in Ster-
zing (Tirol) und ist ungefähr zwanzig
Jahre später entstanden (1456—1458).
Das stattliche Altarwerk hatte seinen Platz
in dem Chor der dortigen Pfarrkirche und
die Kosten desselben wurden von der zu-
ständigen fabrica ecclesiae bestritten.

Auf den Flügeln sind innen angebracht:
die Botschaft des Engels an Maria, Christi
Geburt und die Anbetung durch die drei
Weisen sowie der Tod Mariä; auf der
Außenseite: die Scene am Oelberg, Geiße-
lung, Verurteilung durch Pilatus und die
Krenzschleppung. In dem Schrein des
Altaraufbaues sind: die Statuen der
Madonna mit dem Kinde und von vier
heiligen Jungfrauen.

Bei diesem Altarwerk scheint eine Lücke
zu bestehen, weil die glorreichen Geheim-
nisse der Auferstehung rc. nicht vertreten
zu sein scheinen; in Wirklichkeit aber kann
das Jesuskind, getragen von seiner Mutter
und umringt von Heiligen, als ein zu-
sammenfassendes Symbol des Abschlusses
des ganzen Erlösungswerkes, anfgcfaßt
werden, zumal, wenn die Scene so dar-

gestellt wird, daß der Schlange der Kopf
zertreten wird.

Mit diesen beiden Werken erweist sich
für unsere Gegend (und wohl auch für
weitere Entfernung) die Mneltschersche
Werkstätte als diejenige, welche nicht bloß
Flügelaltäre erstellte, sondern auch den
Gedanken zuerst erfaßte und durch Jahr-
zehnte durchführte, den Mechanismus der
beweglichen Teile am Altaraufban (Flügel)
durch Anschluß an den Zyklus des Kirchen-
jahrs und der dainit verbundenen allge-
meinen Hanptwahrheiten auf eine freiere
und höhere Stufe zu erheben und
damit den Aufschwung der Flügel-
altäre in der zweiten Hälfte des l 5. Jahr-
hunderts zu bewirken.

Jin Laufe dieser fruchtbaren Periode
traten wohl (durch Verdopplung der Flügel
und andere Zutaten) noch Bereicherungen
hinzu, aber das waren doch nur Erwei-
terungen des von Mneltscher in unserer
Gegend zuerst erfaßten und überlieferten
Gedankens. Für Köln und den Nieder-
rhein dürfte das älteste Beispiel auf den
Klara-Altar daselbst zurückgehen; man
lenkte aber dort bald in andere Bah-
nen ein.

Die lllmer Werkstätte bietet überhaupt
nach verschiedenen Seiten hin ungewöhn-
liches Interesse dar. Nicht bloß hat die
lllmer Schule ihre Altmeister gefunden,
wie etwa Köln in seinem Meister Wil-
helm, sondern von ihr wurden auch über
die gesamte benachbarte Landschaft hin
fruchtbare Keime in ansehnlicher Zahl ans-
gestreut und die Verbindung mit entlege-
nen Gegenden eröffnet. Noch merkwürdiger
aber ist die stille Wandlung im Schoße
der Werkstätte selbst, soweit darüber ein
Einblick möglich ist.

Friedländer verbreitet sich darüber in
seiner mehrfach zitierten Abhandlung, wo-
von wir nur einige Stellen ausheben. Er
sagt (S. 26). „Die Vergleichung der
Sterzinger Altarflügel mit den Berliner
wird dadurch erleichtert, daß wenigstens
drei gleiche Scenen hier und dort darge-
stellt sind. . . . Die Figuren in Berlin
sind von mittlerer Größe, eher untersetzt
als hoch, weil die Köpfe verhältnismäßig
groß und plump sind, wie auch die Hände
und Füße. Es ist nicht leicht, eine An-
schauung von den Proportionen zu ge-
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