Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 92
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unitneit; beim die einzelnen Gestalten treten
nicht in deutlicher Körperlichkeit hervor
mit ungestörten Umrissen; die stoffreiche
Gewandung und die häufende und zu-
sannnendrängende Komposilion verhüllt und
verdeckt den Organisinus. Jil den Sterz-
inger Bildern aber ist das Interesse au
der menschlichen Gestalt siegreich; die Ge-
wandung ist minder weit und stoffreich,
sie liegt vielen Figuren fest an; sehnige,
hohe Gestalten treten, von einander ge-
trennt, mit deutlicher Silhouette hervor,
und der Meister geht sogar der Aufgabe,
den nackten Leib darzustellen, nicht mehr
ans dem Weg." Ferner S. 264: „Nichts
wird an den Sterz in ge r Flügeln mehr
bewundert, als das vornehme Maß und
der Schönheitssinn; die Berliner Tafeln
lassen nicht einmal das Bestreben hienach
erkennen; in St erzin g ist die Tppik,
die für die spätere schwäbische Malerei
vorbildlich wird, festgestellt und die spezifisch
schwäbischen Tugenden des Geschmacks
stehen hier scholl in voller Blüte." Ferner
S. 265: „Die Ausführung der B e r l i n e r
Flügel ist derb, van der handfesten Eilig-
keit des an große Flächen geivöhnten
Motiumenlmalers, fast nirgends liebevoll
und eingehend, oft aber frisch, geistvoll
und van malerischer Weichheit.... Wenn
fast alle Beobachtungen dem Malwerk von
4457 (Sterzing) höhere Reife, gewachsenes
Können, geklärten Schönheitssinn zuge-
stehen, so hat die Schöpfung von 1437
(Berlin) doch etivas voraus: überschäumen-
den Reichtum, federnde Spannkraft und
den Reiz des Wagnisses."

Aus diesen Aeußerungen Friedländers
erkennt man, daß ein weiter Abstand zwi-
schen den Werken von 1437 (Berlin) und
.1457 (Sterzing) besteht. Wie soll und
kann diese Kluft ausgefüllt werden?

Man kann zwei Wege einschlagen. Fried-
länder ist geneigt, darin nur zwei Ent-
ivicklungsstadien des Meisters Mueltscher
anzunehmen. Das ist möglich; aber ebenso
möglich ist die Annahme einer Aende-
r u n g i n d e r i n n e r e n O r g a n i s a t i o n
seiner Werkstätte. Im Jahre 1437
war Mueltscher, der gelernte Bildhauer,
offenbar noch das Faktotum seiner Werk-
stätte, der, wenn auch ungeübt, zugleich
auch die Malerei selbst ausführte; das
war ivohl ein Vorteil in seinem Betrieb.

Sollte aber dem unternehmenden! Meister,
zumal wenn die Nachfrage stieg, nicht auch
der Gedanke sich nahegelegt haben können,
daß eine Teilung d e r A r b e i t in seiner
Werkstätte ihm z» noch größerem Vorteil
gereichen konnte. An gelernten Malern
fehlte es, wie sich mehr und mehr heraus-
stellte, in jener Zeit und Gegend keines-
wegs. Wir erinnern nur an die Familie
Striegel in Menuningen, deren Mitglie-
der, Hans und Ivo, gleichzeitig mit Mnelt-
scher arbeiteten; ferner an die Illumina-
toren der Chronik des Konstanzer Konzils
(Richenthal c. 1430); sodann an das
datierte Tafelgemälde (1445) der Donau-
eschinger Galerie Nr. 1, an die Tafel-
malereien von Almedingen und Heilig-
kreuzthal in der Stuttgarter Gemäldcsamm-
lung und verschiedene andere.

Ganz besonders aber möchten wir dar-
auf Hinweisen, daß Stephan Lochner,
der Meister des Dombildes, ge-
b ü r t i g aus M e e r s bürg am Boden-
see, mit Macht in diese Zeit und Gegend
hereinragt. Ihm gelang es noch im letzten
Jahrzehnt seines Lebens, das er nachweis-
bar in Köln zubrachte, dort als belebendes
Ferment einen Schülerkreis um sich zu ver-
sammeln ; sollte er in seiner Jugend und
Heimat auch nicht eine Spur seiner Tätig-
keit hinterlassen haben? Allerdings, darauf
muß man sich gefaßt machen, daß schon
der Gedanke daran Bedenken und Be-
fremden erregen werde; aber als unmög-
lich und aussichtslos darf eine Umschau
in dieser Richtung doch nicht bezeichnet
werden. Bisher sind alle Resultate ohne
Ausnahme, sowohl über die Werke, als
über die Person, den Geburtsort, Tod ec.
des Meisters Lochner von K ö l n e r
Forschern (Merlo rc.) in anerkennens-
wertester Weise errungen worden; die
süddeutsche Heimat desselben hat auch nicht
einen einzigen Beitrag dazu geliefert, oder
auch nur einen Versuch in dieser Richtung
geinacht, soweit mir bekannt geworden ist.
Es nlag an diesen Hinweisungen vorerst
genügen. Wir möchten es nicht für rätlich
und förderlich halten, die sämtlichen noch
vorhandenen zerstreuten Tafelbilder ans
der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts
auf die Hand eines einzigen Meisters zu-
rückzuführen; ebensowenig möchten nur
aber das gesamte Material als einfach
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