Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 93
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unbestimmbar bezeichnet wissen. Die Auf-
gabe wird nuferes Ermessens die sein: zu
vergleichen, zu sichten und dann nmsichtig
und vorsichtig anfzubanen, ohne zum vor-
aus den Platz für die Ergebnisse späterer
Forschungen zu sperren.

F. v. Reber hat 1898, zu einer Zeit,
da die Berliner Gemälde noch nicht be-
kannt ivaren, den Vorschlag gemacht, die
Frage offen zu lassen, ob die Gemälde
des Sterzinger Altars von Mneltscher selbst
herrühren könnten, oder von einer andern,
ihm in irgend welcher Weise assoziierten
Hand. Durch die Auffindung der Ber-
liner Gemälde ist der Stand der Frage
einigermaßen verrückt worden, aber doch
nur soweit, unseres Erachtens, daß die
letzteren (1437) von Mneltscher selbst ge-
fertigt wurden; für die Sterzinger Bilder
(1457) und für andere Malereien, die der
ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts znzn-
teilen sind, dürfte es auch jetzt noch und
sogar in verstärktem Grade sich empfehlen,
vorsichtige Zurückhaltung zu beobachten.

Pie^crm der Stigmata des hl. Franz
und ihre bildliche Darstellung.

No» Pfr. G. tu A.

(Fortsetzung.)

Diesen längst vermißten Traktat de
miraculis glaubt man nun in einer Mar-
seiller Handschrift aufgefnnden zu haben
und die Voltandisten veröffentlichten ihn *),
wobei sie mit guten Gründen für seine
Echtheit eintraten. Er ist besonders wichtig
für unsere Frage, wie auch die beiden
andern Arbeiten des Thomas. Wir be-
zeichnen sie mit:

Thomas I — vita prima,

Thomas II — vita secunda,

Thomas III — tractatus de mira-
culis.

Thomas I') nun berichtet über die Stig-
mata folgendes:

Vita I p. II, c. 1 Revera in quinque
partibus corporis passionis et crucis
signaculo pater venerabiiis est signatus
ac si in cruce cum Dei Filio pepen-
disset. sJn Wahrheit an fünf Teilen
seines Leibes war unser ehrwürdiger Vater
mit dem Zeichen des Kreuzes und des

Analecta Bollandiana, t. 18. 1899 p.81 ss.
2) Ausgabe von Assisi 1879.

Leidens gezeichnet, als ob er mit dem Got-
tessohn am Kreuze gehangen hättest Mit
diesen Worten ist die Stigmatisation zu-
nächst nur allgemein bezeichnet, nicht des
näheren beschrieben, was erst geschieht im
dritten Kapitel, das die Aufschrift trägt:
»de visione hominis imaginem Seraphim
crucifixi habentiss. Ohne auf die seeli-
schen Prüambula der Stigmatisation näher
einzngehen, müssen wir doch ans de»:
Bericht noch anführen, daß Franz sich
in einer hochgradigen Scelenaufregnug
befand, die zwischen namenlosem Ent-
zücken über die Schönheit und bitterem
Schmerz über die Annagelung der Erschei-
nung am Kreuz wechselte. Da: »Coeperunt
in manibus eius et pedibus apparere
signa clavorum, quemadmodum paulo
ante virum supra se viderat crucifixum.
Manus et pedes eius in ipso medio
clavis confixae (!) videbantur, clavo-
rum c a p i t i b u s in interiore parte
manuum et superiore pedum appa-
rentibus et eorum acuminibus
existentibus de ad verso.« sEs fingen an
seinen Händen und Füßen Nägelzeichen zu
erscheinen an, gerade so wie er kurz vor-
her den Mann über sich gekreuzigt gesehen
hatte. Hände und Füße erschienen gerade
in der Mitte mit Nägeln angeheftet, wo-
bei die Nagel köpfe am inneren Teil der
Hände und oberen Teil der Füße ange-
bracht waren, die Nagel spitzen ans der
andern Seite sich zeigten.) Nun kommt
eine eingehende Beschreibung: »erant

signa illa rotunda interius in manibus,
exterius autem ob longa et caruncula
quaedam apparebat quasi summitas
clavorum retorta et repercussa, quae
carnem reliquam excedebat. Sic et in
pedibus impressa erant signa clavorum
et a carne reliqua elevata: dextrum
quoque latus quasi lancea transfixum,
cicatrice obducta, erat, quod saepe
sanguinem emittebat.« sEs waren aber
jene Zeichen rund an der inneren Hand-
fläche, außen aber länglich. Es nahm
sich ans wie eine Art Fleischstückchen, wie
die Spitze-von Nägeln, aber umgebogen
und (mit dem Hammer) znrückgeschlagen,
über das übrige Fleisch hervortretend.
Aehnlich waren an den Füßen Nägelmale
eingeprägt und erhaben über das übrige
Fleisch; auch seine rechte Seite war wie
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