Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 96
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Das Germanische DTufeum zu
Nürnberg von J852 bis \{)02.

(Schluß statt Fortsetzung.)

Auf das engste verbunden erscheint end-
lich das feine Verständnis des religiös
empfindenden Künstlers mit dem profunden
Wissen des Gelehrten, beispielsweise in
seinem Schriftchen über „Die innere Aus-
schmückung der Kirche Groß-St.-Martin
in Köln", das zuerst, als Manuskript ge-
druckt, in Graz, dann in erweiterter Fas-
sung 1866 in Köln erschien. Ans die
darin enthaltenen gründlich durchdachten
und überaus einleuchtenden Vorschläge
hin ward ihm dann in der Tat der Auf-
trag zu teil, Entwürfe zur innereit Ri-
staurierung und' Ausstattung jener roma-
nischen Kölner Kirche zu liefern, eine Auf-
gabe, deren er sich alsbald in meister-
Weise und zur vollsten Zufriedenheit aller
Kenner entledigte.

Im Jahre 1864 war Essen wein, ob-
gleich luir ungern den anregenden Freundes-
kreis der schönen Kaiserstadt verlassend,
einem Rufe als Stadtbaurat nach Graz
gefolgt, welche Stelle er im folgenden
Jahre mit einer Professur für Hochbau
an der Technischen Hochschule daselbst ver-
tauschte.

Außer durch seine Bau- und Lehrtätig-
keit erwarb er sich hier noch besondere
Verdienste mit die Begründung des
Steiermärkischen Vereins für Knnst-
industrie, und überdies stammen aus der
Zeit seines kaum zwei Jahre umfassenden
Aufenthaltes in Graz wiederum mehrere
wissenschaftliche Arbeiten, unter denen vor
allen das umfassende Werk über die mittel-
alterlichen Kunstdenkinäler der Stadt
Krakau hervorzuheben ist. — So weit die
bisherigen Lebensverhältnisse Essenweins,
die wir der Festschrift wörtlich entnommen
haben.

Zu Anfang des Jahres 1866 erhielt
Essenwein die Berufung nach Nürnberg,
und es zog ihn vor allem die Größe der
Aufgabe an, vor die er künftig gestellt
sein sollte, nicht aber die Gehallsverhält-
nisse, die mit Germanischen Museum selbst
für den I. Vorstand als bescheiden be-
zeichnet werden mußten. Auch war es
für ihn keineswegs verlockend, das Museum
mit einer Schuldenlast von 167 661. Gnlden

antreten zu müssen, dazu, noch die un-
erquicklichen Zustände in der Beamten-
schaft. Auch erfüllte ihn der im Sommer
jenes Jahres ausgebrochene Bruderkrieg
mit tiefem Schmerze, und er bereute es
eine Zeitlang, wie er selbst sagt, dem Rufe
gefolgt zu sein.

Nachdem nun aber einmal Essenwein
die Stelle übernommen Halle, machte er
sich ohne Säumen ans Werk, um die
großen Pläne, deren Durchführung sein
scharfer Verstand vom ersten Augenblicke
an als für das Gedeihen des Museums nötig
und unerläßlich erkannt hatte, ihrer Ver-
wirklichung entgegeuzuführen. Sein Pro-
gramm war, alles das zu pflegen und
zu erhalten, was allgemeine Teilnahme
und Anerkennung gefunden, vor allein die
Mittel zur Erreichung solcher Ziele zu
verwenden, die, wenn damals versäumt,
später nicht mehr erreicht werden konnten;
er wollte also vor allem die Sammlungen
mehren, statt zufällig znsammengekommener
Stücke, die als Illustrationen eines unsicht-
baren Systems dienten, systematisch ange-
legte Sammlungen Herstellen, die eine
wissenschaftliche Einheit bilden, alles zum
Studium notwendige Material bieten
sollten, wollte dagegen alles mindestens
zurückstellen, dessen Wert von Autoritäten
angezweifelt oder das zu jeder Zeit nach-
geholt werden könnte. Es sollten also
die Nepertorienarbeiten nicht mehr der
Mittelpunkt der Anstalt sein, sondern die
Sammlungen. Die daraus sich er-
gebenden Arbeiten sollten in zweiter Linie
stehen, dagegen sollten alle Zweige gleich-
mäßig gepflegt werden, ohne Rücksicht auf
etwaige persönliche Neigungen des Vor-
standes, noch auf Abneigung irgend
welcher Kreise gegen einzelne Zweige.

Eine Hanptschwierigkeit für den neuen
Vorstand boten vor allem die mißlichen
finanziellen Verhältnisse der Anstalt, und
ohne durchgreifende Neformcn im Innern
der Anstalt, ohne wesentliche Aenderungen
hinsichtlich ihrer Anlage und ihres Zweckes
wären trotz allen Entgegenkommens von
Fürst und Volk nicht zu beseitigen ge-
wesen.

Als notwendigste Maßregel zur Be-
seitigung dieses Uebelstandes erschien ihm
zuerst eine starke Reduzierung des großen
Beamtenpersonals, deren Besoldung allein
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