Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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ad spectaculum — Suspendo stilum,
nolens balbutire, quod explicare non
possum. [Sie becft das Tuch auf, um
beit Toteu nufgedeckt zu sehen. Da schaut
sie jenes kostbare Gefäß, iu welches ein
herrlicher Schatz uiedergelegt gewesen war,
geschmückt mit fünf Edelsteiueu. Sie sieht
jene Erhebungen, welche allein des
Allmächtigen Hand als ein Wnnderschan-
spiel für die ganze Welt geschaffen hatte.
Alle eilen herzu, es zu schauen. Ich lege
die Feder weg, mein schwacher Mund
kann nicht stammeln, was ich nicht im
stände bin, genügend zu schildern.] Wir
haben also hier einen neuen, n o ch n i ch t
da gewesenen Ansdrnck für die Form
der Stigmatisation, nämlich »caela-
turae«, was nichts anderes sind als
Hautrelief.

Auf diese eingehenden Berichte hin wer-
den uns die weiteren Berichterstatter wohl
nicht mehr viel Neues bieten können. Doch
müssen wir sie der Vollständigkeit wegen
kurz anführen. Vor allem gehört hierher
die Vita der „Drei Genossen", eine seit
vielen Jahren hochangesehene und als
Quelle erster Klasse betrachtete Schrift.
Wir legen die Ansgabe von Amoni (Nom
1880) zn Grunde und lassen die Frage
dahingestellt, ob die von Marzellino da
Civezza und Teofilo Domenichelli 1890
herausgegebene »Leggenda di S. Fran-
cesco« die eigentliche Arbeit der „Drei
Genossen", die bisherige unter diesem
Namen bekannte Arbeit aber nur ein Torso
sei, dahingestellt, zudem da die Bollandisten
(Analecta Bollandiana 33b. 19 re. 1900)
energischen Widerspruch dagegen erheben
und auch einer der nettesten Verteidiger
dieses der Anffassnng Sabatiers vom
»Speculum perfectionis« sekundierenden
Gedankens zur weiteren Begründnng nichts
Erhebliches beibringt (cf. Walther Götz,
Franz von Assisi, Nene Jahrbücher für
kl. Altert, ec. 1900, S. 611 ff.). Da
diese vila trium sccioruni wesentlich
Neues über die Form der Stigmata nicht
beibringt, so begnügen wir uns mit der
Bemerkung, daß sie bereits an der Po-
le m i k gegen die puncturae des Elias-
berichtes teilnimmt, indem sie sagt: »Cerne-
bant in manibus et pedibus eius non
quasipuncturas clavorum,sed ipsos
clavos ex eius carne compositos et

eidem carni innatos; ferri quoque ni-
gredinem praetendebant; dextrum vero
latus quasi lancea transfixuni verissimi
et manifestissimi vulneris rubea
eicatrice obductum, quod etiam sacruni
sanguinem, dum viveret, saepius effu n-
debat«. p. 98. (Mail sah an seinen
Händen und Füßen nicht eine Art Stich-
male von Nägeln, sondern eigentliche Nägel,
ans seinem Fleisch bestehend, und dem-
selben Fleisch wie von Natur angehörig;
auch zeigten sie die schwärzliche Farbe deS
Eisens; auch seine rechte Seite war wie
mit einer Lanze durchbohrt, überzogen mit
einer rötlichen Narbe einer ganz wahr-
haftigen und unbestreitbaren Wunde; sie
ergoß, solange der Heilige lebte, zum öftern
heiliges Blut.s Die übrigen Angaben sind
wesentlich gleich denen des Thomas.

So kommen wir zum letzten Zeugen,
zu Bona Ventura. Die Kritik hat Bona-
ventnra als Historiker angegriffen und ihm
zur Last gelegt, er habe das ursprüng-
liche, mehr natürliche, mit rein mensch-
lichen Zügen gezierte Bild des Heiligen
von Assisi durch Unterdrückung derselben
abgeschwächt und dasselbe in den NahMen
eines für seine Kreise passenden Vor-
bildes eingezwängt. Mag dem sein, wie
ihm wolle — muß doch selbst Faloci-
Pnlignani,') der energische Verteidiger
der alten Biographen des hl. Franz, ins-
besondere des Bonaventnra, zngeben: Bona-
venturam minime intendisse scribere
historiarn'yqualern recenteshistoriographi
solum seiend! causa,exigautsBonaventnra
habe keineswegs beabsichtigt, eine Geschichte
zn schreiben, wie sie die mode r n e it
Historiker verlangen, nur mit des Wi s sens
willen.) — die Darstellung der Stigmata
wird dadurch kaum berührt. Sein Be-
richt darüber deckt sich mit den Berichten
von Thomas 1 und III, er bringt aber
auch Neues. Es finden sich zunächst in
der Legenda maior c. 15, 2 die

clavi mirifice fabrefacti, qui quasi
nervi continui et duri, dum a parte
qualibet premerentur, ad partem oppo-
sitam resultabant. — Erat autem si-
militudo clavorum nigra quasi ferrum,
vulnus autem lateris, instar vulnerati

’) Gli storici di San Francesco Foligno
1899 p. 41.
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