Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 103
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lateris Salvatoris, rubeum ct ad orbi-
en lari täte m quandam carnis con-
tractione reductum rosa quaedam pul-
eberrima videbatur ['Jiägcl, durch gött-
liche Kraft wunderbar geschmiedet, die wie
durchlaufende und harte (greifbare) Nerven-
stränge bei einem ausgeübten Druck nach
der entgegengesetzten Seite sich bewegten.
Die, Nageln ganz ähnlichen, Male waren
schwarz wie Eisen, die Seitenwnnde aber,
ein Abbild der verwundeten Seite des
Erlösers, war rötlich und infolge einer
gewissen Znsammenziehnng des Fleisches
zur kreisrunden Form geworden; sie sah
aus wie eine wunderschöne Roses. Hier dürfte
schon dielegend a r i s ch e Ausschmückung be-
ginne», wie denn auch weiter unten dieselbe
Seitenwnnde mit einer frischen Frühlings-
rose (vern ans roseus flos) verglichen wird.
Interessanter ist der Bericht in der kleineren
Legende, welche uns über die Form der
Stigmata eine ganz frappante Angabe
liefert. In der dritten Lektion des Ab-
schnitts de stigmatibus sacris *) werden
besonders die acumina, d. h. die an der
Außenseite der Hände und der llnterseite
der Füße herausragenden Fleischnägel-
spitze» als oblonga slänglichs, retorta szu-
rückgebogens und repereussa fzurückge-
schlagens bezeichnet, und dann wird hinzu-
gefügt: »si quidern repereussio ipsa ela-
vorurn sub pedibus adeo prominens
erat et extra protensa, ut non solurn
plantas solo libere applicari non sineret,
verum etiam intra curvationem
arcualem ipsorum cacuminum im-
m i11i va 1 e ret d igi tu s manus (Das
Zurückgebogensein der Nägel unter den
Füßen war so stark und nach außen her-
vortretend, daß nicht nur die Fußsohlen
sich nicht frei ans den Boden anssetzen
konnten, sondern daß man zwischen die
bogenartige Krümmung der R'agelspitzen
einen Finger dnrchstecken konnte.s, d. h.
man konnte mit dem Finger zwischen der
Fußsohle und dem umgebogenen Fleisch-
nagel hindurch; dies hatte denn auch zur
Folge, daß Franz auf seinen Missions-
reisen zu Reittieren und Fahrgelegenheiten
greifen mußte, quia propter excrescentes
in pedibus clavos ambulare non pote-
rat sweil er wegen der an den Füßen

hervorragenden Fleischnägel nicht gut gehen
konnte, s, I. e. de transitu c. 1 p. 264.
Bonaventnra glaubt gerade der Schilde-
rung der eigenartigen repereussio cla-
vorum die Bemerkung hinzufügen zu sollen,
»sieut ab eis ipse accepi, qui oculis
propriis conspexerunt« swie ich persön-
lich von denen erfahren habe, welche cS
mit eigenen Angen gesehen haben).

Dies sind die Berichte der alten Bio-
graphen über die Form der Stigmata des
hl. Franziskus — alles Spätere beruht
ans ihnen und ist eine mehr oder weniger
legendarische Ausspinnung derselben. Es
geht aus ihnen hervor:

I. Die Hand- und Fnßmale sind nicht
bloße puncturae, d. h. Stiche, Wunden,
wie Elias in der Eile und Ueberraschung
sie nannte, wenn auch mit der Zugabe
»quasi«. Dieser Ausdruck ist von den
späteren, glaubwürdigen Zeugen näher
erklärt, noch spätei bekämpft wor-
den — sondern es waren förmliche Fleisch-
nägel, ivie geschmiedet, integrierende Be-
standteile seines Leibes, an den Eintreib-
stellen „Köpfe", an den Anstrittstellen
„Spitzen", nmgeboge», wie mit dem
Hammer nmgeschlagen, einen Bügen bil-
dend, unter dem ein Finger durchfahren
konnte, schwärzlich von Farbe. Es waren
vier, so daß, wenn Franz in dieser be-
gnadeten Situation ein Abbild des ihm
erschienenen Crucifixus war, *) dieser selbst
mit vier Nägeln am Kreuz angenagelt
erschien, ' nicht mit drei, während Franz
in jenem wunderschönen Gebet »pro ob-
tinenda paupertate« [um Verleihung der
Armut) von der den Gottmenschen stets
begleitenden Armut sagt, daß sie ipsos
clavos, ut creditur, non in sufneienti
numero vulneribus fabricavit sed tres

rüdes et asperos-praeparavit2).

(Sie hat selbst die Nägel, wie man
glaubt, nicht in hinreichender Zahl für
die Wunden (des Heilands) beschafft,

>) Thomas T, p. 3. 1. C. p. 230 sagt aus-
drücklich : quid illi (Francisco) porerit denegari,
in cuius sacrorum stigmatum pressura forma
re sul tat illius, qui coaequalis l’atri exi-
stens sedet ad dexteram etc. jWas könnte ihm
(dem Franz) abgeschlagen werden, bei dessen
Stigmatisation das Bild desjenigen hervortrat,
der, gleich dem Vater, zur Rechten Gottes sitzt?)

s) Vnrg, opp. S. Fr. p. 42 (wohl unecht).

>) Ausgabe von Quaracchi 1898 p. 258.
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