Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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sondern nur drei und diese rauh und
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2. Diese Hand- und Fnßmale bluteten
nicht — keiner der alten Biographen spricht
davon. Erst später ist davon die Rede,
so z. B. wenn in den TWtus St. Fran-
cisci, einer nachweisbar viel späteren
Kompilation (ed. Sabatier) c. 39 erzählt
wird, daß Franz dem Bruder Leo allein
seine Male 51t berühren anvertraute, wo-
von die alten Biographen nichts wissen.
S. Thomas I, 2, 3, Thomas IT, 3, 77,
Bonao. XIII, 8 und Faloci-Pnlignani
1. c. p. 23. Dieser Leo habe dann die
Verbandmittel gewechselt, die er auch zwi-
schen jenen wunderbaren Nägeln und dem
Fleisch erneuert, um das Blut abznwischen.
Ans diese und ähnliche spätere Nach-
richten nur kann sich Christen I. c. p. 314
berufen, wenn er sagt, Franz habe im
Gegensatz zu andern Stigmatisierten Wun-
den gehabt, die beständig bluteten; dies
trifft ja nicht einmal bei dem Stigma der
Seite zu, welches doch eine eigentliche
Wunde war.

3. Diese Seitenwnnde befand sich auf
der rechten Brnstseite, sah aus wie ein
Lanzenstich — doch erschien sie vernarbt,
die Narbe selbst von roter Farbe. Sie
blutete öfters — saepe oder saepius —
also nicht beständig, dann aber auch so
stark, daß die Tunika und die Unterkleider
die Spuren davon trugen. Thomas II,
3, 75. Bonav. 13, 4. Nach Bonaven-
tnra nahm die Seitenwunde durch eigen-
artige Znsammenziehnng des Fleisches eine
kreisförmige Gestalt an, so daß sie einer
Rose von hellroter Farbe glich. Er ver-
deckte sie gewöhnlich durch Andrücken des
rechten Annes an die Seite oder dadurch,
daß er die linke Hand darauf
legte.

II. Teil.

Und nun, wie stellt sich die Kunst zur
Darstellung dieser Stigmata?

Die Bilder des hl. Franz sind Legion
und es ist nicht zuviel gesagt, wenn man
von einer eigenen Ikonographie des sera-
phischen Heiligen spricht. Sein Bild, sein
Leben, seine Gnaden bildeten und bilden
den unerschöpflichen Stoff für die Maler
und Künstler der Jahrhunderte, und was
seine Person bedeutet in der Eröffnung

einer ganz neuen und großartigen Ent-
faltung der christlichen Kunst, ist allen
bekannt, welche einen Blick in die Kunst-
geschichte geworfen haben. Merkwürdig —
er, der der Kunst so mächtige Impulse
gab — ist selten so dargestellt worden,
wie er nach vorhandenen klaren Beschrei-
bungen hätte dargestellt werden können.

Oft genug wird Franz nicht stigma-
tisiert dargestellt, und mit Recht, vor
allem bei Sceiien ans seinem Leben, die
vor die Stigmatisation fallen, wird aber
Franz als Kirchenpatron, als Heiliger,
sei es allein oder, wie so oft, mit andern
Heiligen, Büßern oder Krenzverehrern,
also als Andachtsbild gegeben, so gehört
er stigmatisiert dargestellt — denn die
Stigmata sind bei ihin ein ganz besonders
bezeichnendes Emblem. Bekannt ist das
Bild in Snbiaco, bei Thode, S. 81, und
bei Detzel 351 wiedergegebcn. Es hat
keine Stigmata. Daraus schließen zu
wollen, daß es vor 1224 gemalt sei —
wäre falsch; es ist tatsächlich aus dem
Jahre 1228, also beut Jahr der' Kanoni-
sation, aber ohne Nimbus. So wenig
dieses Bild dem von Thomas I, p. l,
c. 29 (Amoni p. 158) so plastisch geschil-
derten Franz -und dessen eigener Selbst-
beschreibung (Thomas II, p. I. c. 1(5,
Drei Genossen c. 16) entspricht, so wenig
dürfen nur uns daran stoßen, daß die
Stigmata an jenen alten Bildern sich noch
nicht finden. Die Maler jener frühen
Zeit legten es eben nur darauf an, einen
Heiligen zu malen, der vielleicht durch ein
äußeres Kennzeichen als bestimmte Per-
son, hauptsächlich aber als solche durch
Anbringung des Namens, wie im obigen
Bild, bezeichnet war. Porträts finden
nur damals gar nicht oder ganz selten.
Die Stigmata vollends waren damals
so neu und unerhört, in der Malerei so
wenig heimisch, daß ihre Weglassung in
einem jener ersten Bilder kaum ansfallen
kann. Zudem fehlt cs nicht an Zeugnissen,
daß es im 13. Jahrhundert noch manch'
anderes Franzbild gab, wo die Stigmata
einfach weggelassen wurden. So erzählt
Bonaventura in den »Miracula« c. I. 4,
daß eine römische Matrone ein Bild des
Heiligen in ihrer Wohnung hatte, das
ohne Stigmata war und zwar darum,
iveil der Maler sie einfach weggelassen
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