Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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hatte (omiserat). Plötzlich erscheinen ans
dem Bild die wunderbaren Zeichen »sicus
ia aliis Sancti imaginibus pingi
solent«, woraus freilich hervorgeht, daß
in den Tagen des Bonaventnra die
Darstellung der Heiligen soweit fortge-
schrilten war, daß das Anbringen der
Stigmata das Gewöhnliche war. Wenn
dann derselbe Bonaventnra I. c. n. 6 be-
richtet, daß an einem andern Ort ein
Bild des hl. Franz zu sehen war, *glo-
riosa Stigmata repraesentans«, so waren
wir ihm recht dankbar, meint er uns be-
richtete, w i e diese Repräsentation anssah.
Doch Bonaventnra war eben kein Knnst-
schriftsteller.

Doch nicht allein durch Unachtsamkeit
oder sonstigen Mangel an künstlerischer
Auffassung ließ man die Stigmata weg,
sondern auch infolge von Zweifel, Unglau-
ben und in polemischer Absicht. Solche
Nichtnngen bestanden im 13. Jahrhundert
in Deutschland, Spanien und Italien.
Schon Bonaventnra erzählt, wie ein ge-
bildeter Militär — miles quidam litte-
ratus — XV, 4, gleich nach dem Tod
des Heiligen zweifelte und nur durch
Augenschein und dadurch, daß er am toten
Franz die Nagelköpfe hin und her be-
wegte, von seinem Zweifel geheilt wurde,
eine Scene, die auch Giotto in der Ober-
kirche malerisch verewigte (Incredulus).
Welche Heftigkeit die Opposition gegen die
Stigmata und ihre bildliche Darstellung
annahm, geht ans einer Erzählung in den
Actus Sti. Francisci (ed. Sabatier 1902)
c. 40 hervor. In einem Dominikaner-
konvent war ein Franziskusbild mit Stig-
mata al fresco angebracht. Einer der
Insassen skandalisiert sich darüber und
kratzt die Stigmata wiederholt weg, worauf
sie aber jedesmal wieder erscheinen. Im
Zorn hierüber will er sie gänzlich aus-
rotten, indem er selbst die Freskounterlage
(caementum picturae substratum) her-

nnshaut. Aber o weh! die Wunden fangen
zu bluten an und bluten solange, bis die
herbeikommenden Ordensgenossen den Hei-
ligen flehentlich bitten, er möge dem schauer-
lich schönen Wunder ein Ende machen.
ES geschieht und der Dominikaner ist von
seinen Zweifeln und seiner Gegnerschaft
gründlich geheilt.

Gehen wir nun über zu den Darstel-

lnngen, in welchen Franz die Stigmata
haben muß und in den meisten Fällen
auch hat, und untersuchen wir, ob sie
wirklich die Form haben, welche die alten
Biographen so eindringlich betonen und
fast umständlich beschreiben! Wie die von
Bonaventnra angeführten Bilder anssahen,
wissen wir nicht, es sind eben »signa
mirifica« und »gloriosa Stigmata«. Am
ehesten sollte man glauben, daß die in
Assisi selbst sich befindlichen Franzdarstel-
lnngen die richtige Form anfweisen und
näherhin am ehesten die von Giotto, da
er offenbar ganz nach Bonaventura ar-
beitete, also die richtige Form kannte.

Jener »coaevus« des Franz, von dem
ein Bild in der Sakristei von S. Fran-
cesco hängt, sei es Giunta Pisano oder
ein Späterer, wie Thode will, l.c. S. 94,
gibt die Stigmata wenigstens nicht als
ovale Ritzen oder Schlitze, sondern als
dnnkelgemalte Köpfe, ebenso ein Fresko
von Cimabne (Madonna und Franz,
Thode S. 255) und einige andere Bilder
der Unterkirche, an denen insofern histo-
rische Treue ersichtlich ist, als davi
repercussi an der Außenseite der Hand
sich darbieten.

Was Giotto betrifft, so kommen hier
vorzugsweise diejenigen Fresken in der
Oberkirche in Betracht, in dctien die
Stigmata eine besondere Rolle spielen, so
der »Incredulus«, von dem wir oben
gesprochen haben. Das Bild hat capita
rubri coloris, wie der Augenschein zeigte.
Aehnlich steht es bei der Beweinung des
Leichnams von St. Damian durch Klara
und ihre Schwestern. (Bon. XV, 5)
Thode «57. Bei der Scene der Auf-
erweckung eines Toten (Bon. de mir. II.)
scheint es, als ob auf der äußeren Hand-
fläche Nagelspitzen umgebogen angebracht
seien; bei der Darstellung der Stigmati-
sation selbst erscheinen sie als nigra
capita an der Innenseite der Hand, was
der historischen Wahrheit nahe liegt, die
Ansgänge ans der andern Seite sieht man
nicht. Auf den bekannten allegorischen
Darstellungen in der Unterkirche sind nur
schwärzliche Punkte zu sehen. Giotto hat
also die wahre Form der Male wohl ge-
kannt, scheint aber bei den andern Zwecken,
die er verfolgte, ans korrekte Darstellung
weniger achtgegeben zu haben. Zudem ist
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