Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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einen architektonisch klaren Aufbau, gute
harmonische Verhältnisse unter den ein-
zelnen Teilen und eine Verwendung der
Ornamentik in dem Maße, daß sie den
Ban nicht überwuchert. Die Art und
Weise der Nestanratiou dieser Altäre war
nun von selbst gegeben: sie mußten
wieder frisch marmoriert und ihre Orna-
mente mit Glanz- und Mattgold versehen
werden. Die Hauptaufgabe war hier die
richtige Marmorierung. Die massigen,
schwerfälligen architektonischen Glieder hoch-
aufstrebender Altarbauteu der Barock- und
Nokokozeit müssen marmoriert werden,
weil die an diesen Teilen gewöhnlich anf-
tretenden großen glatten Flächen in einer
eintönigen blaneu, roten, grünen oder
schwarzen Färbung nicht gut wirken
würden. Aber wie sollen sie marmoriert
werden? Schon in der dekorativen Wand-
malerei der romanischen und gotischen
Periode hat die Marmorimitation Auf-
nahme gefunden. Allein das Mittelalter
imitierte den Marmor nicht i» realistischer
Weise, sondern wandte die Marmorierung
nur in stilisierter Manier an. Der ge-
streifte Marmor wurde durch schematische
Wellung mehrerer paralleler farbiger Li-
nien, der gefleckte durch kleinere und größere,
einem andersfarbigen Grunde als aufge-
malte Kreis- oder Ovalformeu dargestellt.
Es ist nun die Meinung ausgesprochen
worden, mau sollte auch die Barock- und
Nokokoaltäre in dieser Weise behandeln,
es soll eine allzu realistische Nachbildung
des Marmors vermieden werden, die Ab-
sicht, das Auge über das Material zu
täuschen, müsse dem Faßmaler fern liegen
und das Surrogat soll als solches sofort
erkannt werde». Allein wenn die ganze
Imitation verwerflich wäre, warum sollte
das nicht auch die halbe sein? Eine bloß
stilisierte, halbe Marmorierung würde ge-
wiß nicht zu der Pracht der Rokokoaltäre
stimmen! Wir loben die Art und Weise,
wie die Altäre in Dischingen marmoriert
sind, sie wirken sehr schön und glaubt
man wirklichen Marmor oder schön ge-
schlissenen Stuckmarmor vor sich zu haben.
In Verbindung mit der tüchtigen Glauz-
nnd Mattvergoldnng stellen die Altäre die
lebhafteste Pracht vor, wie sie der Cha-
rakter des Rokoko verlangt.

Der Hochaltar birgt ein großes Ge-

mälde auf Leinwand, welches die Taufe
Christi durch den hl. Johannes Baptista,
den Patron der Kirche, darstellt; es zeigt
eine gewandte Komposition und gute
Farbengebung. Das Monogramm an dem-
selben besagt: Joh. B. Enzensperger

pinxit. Von den Se it en a lt arblät -
ter n zeigt das rechte, wie durch die Für-
bitte des heiligen Bischofs Gotthard ein
totes Mädchen zum Leben erweckt wird,
während das linke die Uebergabe des
Rosenkranzes an den hl. Dominikus zur
Darstellung hat. Das letztere Altarblatt
hat das Monogramm: Christ pinxit

1776. Dieser Maler Joseph Christ')
ist am 23. Februar 1731 zu Winter-
st etteu stad t bei Esseudorf im Oberamt
Waldsee als Sohn des Bauern Joseph
Christ und der Maria, geb. Bruder, laut
Taufregister der dortigen Pfarrei geboren.
Er war ein Schüler des Augsburger
Malers Joseph Mages (1728—1770),
welcher in der Manier den Italiener
Iacopo Amiconi nachahmte, und wir
finden das gleiche auch bei seinem Schüler.
Die beiden Altarblätter in Dischingen
zeigen nämlich auch eine eigene Art in der
Behandlung des Inkarnats, einen feinen
Schmelz des Kolorits und die eigentümliche
Technik, wie einzelne Figuren aus dem grauen
Hintergründe mit wenigen Farben heraus-
gemalt sind, ganz so, wie wir es bei Ami-
coni namentlich bei seinen Bildern in
Ottobeuren treffen.2) Die beiden Altar-
bilder müssen auch sowohl wegen ihrer
guten, gewandten Kömposition als ihrer
korrekten Zeichnung als beachtenswerte
Kunstwerke bezeichnet werden.

Die Kanzel ist im nüchternen Stile
des Empire ans Stuckmarmor erbaut von
Thomas Scheithanf ans dem nahen
Neistingen in Bayern, von dem auch die
schönen Stukkaturen in Neresheim stammen.
Am Bauche der Kanzel sehen wir das
Relief, wie Moses die Gesetzestafeln er-
hält, und an der Rückwand die Predigt
des heiligen Apostels Paulus. Auch die
vier Beichtstühle sind von demselben
Meister geliefert; sie zeigen einen ziemlich

') Vgl. Bock, Lberschmäbische Künstler früherer
Zeiten, im „Archiv für christliche Kunst" 1893
Nr. 8 S. 78. Als Ergänzung dazu vgl. „Diö-
zesnunrchiv von Schwaben" 1903 Nr. 7 S. 99.
2) Vgl. „Archiv" 1901 Nr. 11 S. 85.
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