Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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Silbergelb namentlich in der Ornamentik
erzielt man ein Licht in den Kirchen der
Spätstile, das in seiner vollständigen
Helligkeit ganz dem Charakter dieser
Gotteshäuser entspricht.

In dieser Technik sind denn auch unsere
Fenster in Dischingen ausgeführt und
zwar in brillantester Weise, was die
Farbentöne anlangt, und in einer Korrekt-
heit in Zeichnung und Komposition, welche
unsere vollste Bewunderung über eine
solche flotte künstlerische Leistung heraus-
fordert. Die Tiroler Glasmalerei in
Innsbruck zeigt hier ihre künstlerische
Leistungsfähigkeit in der glänzendsten Weise.
Im Chor der Kirche sind die vier Evange-
listen, Matthäus, Markus, Lukas und
Johannes mit ihren Attributen angebracht.
Gestalten voll Kraft mtb Energie, voll
Geist und Würde. Im Schiff sehen wir
die vier lateinischen Kirchenväter, den
heiligen Ambrosius mit Bienenkorb, mit
Bischofsstab und Pallium, den heiligen
Gregor den Großen mit Buch, Taube
und dem dreifachen Kreuze, den heiligen
Hieronymus mit dem Kardinalshut und
bem Löwen zur Seite als seinem Attri-
bute und den heiligen Augustinus mit dem
Knaben, der aus einer Schale Wasser
gießt; in der Krümmung seines Bischofs-
stabes sieht man das Herz (inquietum
est cor nostrum etc.). Die Fenster
kamen auf 6000 Al, von welcher Summe
Seine Durchlaucht der Fürst von
Thurn und Taxis als Patronatsherr
der Kirche') in hochherziger Weise die
Hälfte des Betrages übernahm. Es wur-
den deshalb in den beiden Fenstern ober-
halb der Eingänge in das Schiff die
fürstlichen Wappen angebracht. Auf der
rechten Seite, sichtbar beim Eintritte in
die Kirche von der Südseite her, erscheint
in herrlicher Farbenpracht die ganze Breite
des Fensters einnehmend, das große oder
fürstliche Gesamtwappen. In dem
innersten Teile dieses Wappens sehen wir
zivei rote Türme mit zwei goldenen Lilien auf
silbernem Felde. Das uralte, hochange-
sehene Geschlecht derer von Thurn und

>) Fürst Anselm Franz (1714—1789) hatte |
im Jahre 1734 den Markt Dischingen und das
Schloß Trugenhofen (später Taxis genannt) er-
worben, wodurch das Patronat an das fürstliche
Haus kam. !

Taxis stammt aus Oberitalien ilnd führt
nach der Ueberliefernng seinen Ursprung
zurück bis in die Zeiten des heiligen Bi-
schofs Ambrosius von Mailand, welcher
im Jahre 356 einem jungen Mailänder
wegen der tapferen Verteidigung eines
ihm anvertrauten Stadttorturms gegen die
Arianer den Beinamen della Torre ver-
liehen haben soll. Deshalb bestand auch
das älteste Wappen der della Torre —
„derer vom Turm" thatsächlich in einem
roten Turm mit zwei goldenen Lilien auf
silbernem Felde.') Als der älteste ge-
schichtlich beglaubigte Stammvater des
fürstlichen Hauses gilt Martin I. della
Torre, welcher durch Heirat in den Besitz
der Grafschaft Valsassina (= das steinige
Tal) an der Ostseite des Comersees ge-
langte. Daher sehen wir auch das Wappen
dieses Ortes: einen steigenden roten Löwen
mit blauer Krone, Zunge und Waffen,
auf goldenem Felde. Die dieses nüttlere
Wappen umgebenden andern Wappen
beziehen sich auf die Herrschaften Scheer,
Friedberg, Stift Buchau, Abtei March-
thnl, Abtei Neresheim, Stadt Buchau und
Fürstentum Krotoszhn. Auf der linken
Seite des Schiffes in den Fenstern ober-
halb der Eingangstüre sehen wir das
Allianzewappen des Fürsten Albert
von Thurn und Taxis und dessen Gemahlin
der Frau Fürstin Margarete von Thurn
und Taxis, einer geborenen Erzherzogin
von Oesterreich. Unter den Schilden bei-
der Wappen findet sich die fürstliche Devise
angebracht: Perpetua fide (in immer-
währender Treue), welche sich ans die dem
Hause Habsburg stets bewiesene Treile be-
zieht, welche Devise Philipp II. verliehen
hatte.

Die Wappen sind ungemein farben-
reich und technisch glasmalerisch hochfein
ausgeführt; sie bilden aber dennoch, ob-
gleich sie sogenannte Kabinettsglasmalerei
ersten Ranges darstellen, herrlich brillante
Teppiche, die in dieser Beziehung wieder
an die früheste Technik dieser Kunst er-
innern.

Sv ist denn infolge dieser durchgrei-
fenden und harmonisch schön znsammen-
! stimmenden Renovation die Kirche in dem

') Vgl. Mehler, das fürstliche Haus Thurn
i und Taxis in Regensburg, S. 3.
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