Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

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durch beit südlichen Eingang mit seinem
horizontalen Sturz in das Schiff, von
welchem aus wir zunächst die innere Ein-
richtung betrachten wollen.

Der steinerne Bodenbelag des Kirchleins
von gewöhnlicher Beschaffenheit, das Schiff
aufs neue flach gedeckt, wobei die alten
großen Deckennägel verinißt iverden. Die
primitiven Stühle haben Aehnlichkeit mit
den früheren Stühlen der Kapelle zu Lon-
dorf bei Vollmaringen. Die drei Altar-
mensen sind noch gut erhalten, ihre
Sepulchra geöffnet und leer. Die Mensa
des Hochaltars ähnelt sehr der Mensa des
Londorfer Hochaltars. Beim nördlichen
Nebenaltar fesselt die Aufmerksamkeit die
große steinerne Nische in der Wand so-
wie der runde Taufstein, welcher einen
Durchmesser von ca. 90 cm hat und
sprichwörtlich geworden sein soll. So
könne man beispielsweise sagen hören:
„Du hast eine Schüssel so groß wie der
Kentheimer Taufstein." An weiteren
Steinmetzarbeilen bemerken wir noch zwei
Grabsteine, von welchen einer einen Kelch,
den Namen eines Leutpriesters von Zavel-
stein und die Jahreszahl 1501 (mvci)
trägt. — Der Chor ist tonnengewölbt
und hat einen gotischen Triumphbogen
uub eine gotische Sakristeitüre. Die beiden
Fenster daselbst sind rechtwinkelig, wie das
Fenster neben dem südlichen Seitenaltar.

Besichtigen wir nun die hochinteressanten
Wandgemälde, vor altem die auf der
Rordseite des Schiffes. Dieselben, im
Jahre 1840 von ihrer llebertünchnng be-
freit, sollen aus der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts stammen. Ursprüng-
lich waren drei übereinander hingehende
Reihen von bildlichen Darstellungen zu
sehen, jetzt ist es anders, die obere Reihe
ist verblaßt oder verschwunden; nur gegen
Westen hin kann man noch einen Engel
wahrnehmen und seitlich von ihm ein
Stück Gewand (Mariä Verkündigung?
Zacharias und der Engel?). Die mitt-
lere Bilderreihe ist von der oberen ge-
trennt durch einen romanischen Ranten-
fries in Grün und Not. Die Felder sind
etwa 1,35 m hoch uub 1,25 m breit, doch
ist die Breite nicht bei allen gleich, sie
wechselt vielmehr mit dein Gegenstände
der Darstellung. Dargestellt sind hier von
Westen nach Osten gerechnet folgende

Scenen ans der Leidensgeschichte: Jesus
am Oelberg, Gefangennehmung Jesu,
Jesus vor Pilatus, Jesu Dornenkrönung,
Jesu Geißelung, Jesu Kreuztragung und ?
zwei Frauenfiguren. Die dritte oder
untere Reihe läßt uns in einem Feld nur
einen Kopf erkennen, dann folgen Jesus
am Kreuz, die Kreuzabnahme, Jesus im
Schoße seiner Mutter, die Grablegung
und Auferstehung. Eine Krönung Mariens,
von welcher in den „Kirchlichen Kunst-
altertümern" die Rede ist, vermochten wir
nicht herauszufinden.

Was den Charakter und den Wert der
Malereien betrifft, so äußert sich vr. Pau-
lus in seinem. Werk: „Die Kunst- und
Altertumsdenkmale"also hierüber: „Es sind
schlanke, noch halb altchristliche Gestalten
in lebhafter Bewegung, wenn man will,
südfranzösisch (Mntterabtei Clugnp), dop-
pelt wertvoll, weil in Hirsau alle Malerei
zerstört ist." — Im Jahre 1890 wurden
die Fresken durch Maler P. Haaga reno-
viert, was deswegen besonders schwierig
war, weil über den romanischen Gemälden
noch gotische hinliefen. Bei Jesus am
Oelberg erblickt man links einen Baum,
auf welchem man dort einige Figuren,
vielleicht aus gotischer Zeit, zu sehen glaubt;
rechts davon wird wahrscheinlich die Stelle
sein, von welcher man einen schönen goti-
schen Kopf abgenommen hat, welcher dann
in die K. Staatssammlung nach Stutt-
gart verbracht wurde.

Wie bei den Stationen von Führich
uns bei der Dornenkrönung die gebückte
Haltung des Gekrönten stören will, so
stört uns bei den Fresken zu Keutheim
die Haltung der Geißler und des Ge-
geißelten (vergl. Kunstatlas von Paulus).
In Londorf war früher ein Gemälde,
welches den Heiland so zerfleischt zeigte,
daß man die Rippen sah. Wir konnten
uns diese geschmacklose Darstellung nur da-
durch erklären, daß wir in ihr einen Hin-
weis annahmen auf die Stelle Psalm21,18:
„Sie haben alle meine Gebeine gezählt".
In ähnlicher Weise hat vielleicht der Maler
in Kentheim die Stelle in Psalm 68 »dor-
sum eorum incurva« veranschaulichen
wollen, wenn es ihm nicht vielmehr darum
zu tun war, die Größe und Heftigkeit der
Peinen Jesu überhaupt anszudrücken.

Sonderbar, daß Jesus bei den Leidens-
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