Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 21.1903

Seite: 124
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rechten Seite rot, und ans der linken weiß
gekleidet ist. Das Marigrinin ailf dem
Rade scheint bei uns selten dargestellt
worden zu sein (Tübingen), doch ist das-
selbe schon in dem griechischen Moler-
bnch von Berge Athos erwähnt.

An der Ostwand, etwa in der gleichen
Höhe wie die bisherigen Bilder — zwei
Scene», aber nicht aus dem Leben des
hl. Georg, sondern des hl. Kandidus.
Auf der Evangelienseite sieht man den
Heiligen, wie er am Altar eben die heilige
Hostie in die Höhe hält. Er trägt einen
Bart, ans dem von einem Scheibennim-
bus umgebenen Haupte eine niedrige, zwei-
gehörnte Mitra; hinter ihm steht ein Meß-
diener mit langer, brennender Kerze, und
hinter diesem erblickt man eine kniende
Figur, mit zum Beten ausgebreiteten
Armen. Aus beut Altar ein Kelch und
ein Kreuz, dessen Kruzifix die Füße über-
einander an genagelt zeigt.

' (Schluß folgt.)

Literatur.

Christliches K u n st b l a t t für Kirche,
Schule und Haus. 46. Jahrgang 1904.
Herausgegebeu von David K o ch. Ber-
ing von I. F. Steiukopf in Stuttgart.
Dieses Kunstorgan der protestantischen Geist-
lichkeit Württembergs, das mit dem 1. Januar
1904 schon in seinen 46. Jahrgang eintritt, hat,
was anerkannt werden must, in Beurteilung, Be-
ratung und Förderung bei Neubauten von Kirchen
und Restaurationen von solchen vieles geleistet
und ihm ist es in erster Linie zuzuschreiben,
wenn jetzt auch in protestantischen Kirchen mehr
und mehr der christlichen Kunst eine Heimstätte
gestattet wird. Das Blatt erscheint vom nächsten
Jahrgange an m doppeltem Umfange (monatlich
!S2 Seiten groß Oktav, reich illustriert und in
ltmschlag geheftet) zu dem Preise von 6 M. pro
Jahr und wird die Redaktion in andere Hände
übergehen; Herr Pfarrer David Koch in llnter-
balzheim a. Iller wird vom l. Januar an die
Redaktion übernehmen. Aus dem Programm des
neuen Redakteurs mögen folgende Zeilen von
Interesse sein:

„Jni Leben der Gegenwart tritt die Kunst mit
verstärkten Ansprüchen und Verheißungen an die
Erziehungsaufgabe der Menschheit heran. DaS
kommt einmal daher, daß wir eine selten bewegte
Kulturzeit habe» und dann daher, daß wir vom
letzten Jahrhundert ein Erbe an künstlerischen
Werten angetreten haben, das sich mit allen
Kultnrjahrhunderten messen kann.

Was soll aber dieser Erziehungsnnspruch der
Kunst für die christliche Kunst? Müsse» wir nicht

' direkte Gegner dieser künstlerischen Kulturseligkeit
sein? Es ist nicht die Aufgabe, dieser Eingangs-
bctrachtung, derartige Fragen zu lösen. Ich möchte
nur auf die Probleme Hinweise», die uns beschäf-
tigen werden, und deren Zahl unsere Reugestal-
tung des Kunstblattes rechtfertigen soll. Zweifellos
befinden sich unter den allgemeinen Kurrstinteressen
und Ansprüchen der Gegenwart auch solche auf
dem Gebiete der christlichen, der kirchlichen Kunst.
Generationen, in deren Leben die Kunst eine
Kulturmacht ist, oder werden rvill, werden sich
immer auch der religiösen, der christlichen Kunst
mit erneuter und vertiefter Teilnahme zuwenden.
Äber nicht nur die rein künstlerische, ästhetisch
interessierte, auch die kirchliche und christlich-wis-
' senschaftlichc Gegenwart fühlt sich zur Kunst wie-
! der lebhafter hingczogeu. Die evangelische Kirche,
die in ihrem Gegensatz zu Rom sich ihres Prote-
stantismus neu bewußt geworden ist, verlangt
von der Baukunst neue Gotteshäuser, welche dein
Geist und Zweck des evangelischen Bekennens
entsprechen. Und in diesen Fragen ist schon eine
ziemliche Klärung erreicht, oblcich etwas Neues,
das zwingend wie eine Offenbarung uns über-
zeugen könnte, noch nicht da ist. Ebenso ist es
, die evangelische Kirche, welche die christliche Malerei
beeinflußt hat. Drei evangelische Meister, E. von
Gebhardt, W. Steinhaufen und Fritz v. Uhde
haben unabhängig von einander eine "Neugestaltung
in der Darstellung der biblischen Gedankenwelt
gebracht, die die Gemüter stark erregt und viele
micber neu zur christlichen Kunst hingcleitet hat.

Auch hier eine Fülle von Fragen, die sich uns
auftun werden, und die uns die Notwendigkeit
auferlegen, so umfassend, wie es bisher noch
nicht geschah, allen Scelcuregungen der neuzeit-
lichen christliche» Kunst — ob sie modern oder
alt wäre — nachzugehen.

Dann hebt schon die Frage ihr Haupt: Sollen
wir warten, bis das Genie über uns kommt?
oder sollen wir als Kritiker und Laie», als Men-
schen und Ehristen nicht auch Sandkörner bei-
tragen? Sollen wir der Kunst, vornehmlich der
christlichen Kunst, nicht auch sagen dürfen, was
wir wollen, wie wir uns Christum denken, was
wir ablehnen und warum wir das tun? Ich
glaube, daß die Zeit nun spruchreif ist, wo die
Laien mehr mitreden könnten und die Künstler
aus ihrer Höhe zum Volke herabstcigen sollen,
daß eines das andere besser versteht. Die Künstler
sollen uns sagen, warum sie so die christlichen
Stoffe darstellen und so ihre Kirchen bauen und
nicht anders.

Ich habe von Anfang an den direkten Verkehr
mit den Künstlern für Pflicht gegen Volk und
Kunst zugleich gehalten. Ich werde Sorge tragen,
daß ich manches direkte Wort aus dem Munde,
aus der Feder unserer Künstler in diesen Spalten
veröffentlichen kann, ohne dabei die Stille zu
stören, in der allein das Große und die Kunst
gedeihen." H.

lsiezn eine Iluustbeilaae:

Gemalte Fenster in der Kirche zu Dischingen
bei Neresheim.

Stuttgart, Vuchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsche? Volksblatt"
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