Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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schließende Apsis, deren drei Mittel-
fcnst er in herrlichen, farbenreichen Tapeten-
mnstern teils nach mittelalterlichen, teils
nach eigenen Motiven des Architekten der
Kirche ansgefnhrt, im ganzen SchissSinnern
zur wirkungsvollsten Geltung kommen
(s. Beil. Sir^ VI).

Durch diese originelle Anlage des Chores

- im Gegensatz zu den Anlagen mit sehr
schmalem Vorchor und mit den Seiten-
altären am Chorbogen liub somit auch im
Gegensätze einer scharfen Trennung von
Schiff und Chor — ist dein Meister, wohl
ohne cs zu wollen, ein der St. Jakobs-
ki rch.e in In ns druck verivandterGrund-
riß entstanden. Diese von Anton Gnmp
von 1717—1724 erbaute Barockkirche ist
eine der glänzendsten Leistungen in diesem
Stile; der Grundriß derselben ist einerseits
dadurch ausgezeichnet, daß die Kapellen aufs
äußerste beschränkt sind und dein Lang-
haus eine mächtige Breite gegeben wurde,
welche das Vorhandensein starker Strebe-
pfeiler au der Seitenfassade erklärt, ander-
seits eben diese Breite sich in den Chor
hinein erstreckt wtb vom ganzen Schiffe
ans einen großartigen, freien Anblick ge-
währt. Wir finden überhaupt im Kirchen-
ban des Barock die Tendenz im ganzen
dahin gehen, die Schiffweite auch in den
Borchören, meist ohne jede Einschränkung, ;
beizubehalten und haben hierin wohl das !
schönste und großartigste Beispiel bei uns
in der ehemaligen Klosterkirche zu Wein-
garten. Das gleiche sehen nur in!
Ehingen, Zwiefalten n. s. w., über-
haupt bei dem sogenannten Vorarlberger
Münsterschema, das überall gleiche Breite
oder nur mäßige Verengung des Vorchores '
dem Schiffe gegenüber und äußere und
innere durchlaufende Manerfluchten und j
Dachfirsten zeigt.

Zur Belebung der Anßenarchitektur
wandte der Baumeister der Kirche außer-
dem. noch in glücklichster und wirksamster
Weise Motive an, für welche ebenfalls
schon die Lombardei der Ausgangspunkt
war. Ein Hanptelement der lombardischen
Anßendekoration waren nämlich die Lisene,
der Bogenfries und die Zwerggalerie. Die
Lisene, ein schmaler Wandstreifen zur
senkrechten Gliederung dienend, sehen wir
an unserer Kirche zu Untertürkheim in
erster Linie als Einfassung der Ecken und

als Gliederung der Wände an den Fas-
saden des Transepts und des Hauptschiffs
sowie an der Chorapside und dem Sakri-
steiban angewendet (s. Beil. Nr. Il, Ul
und IV). Sie geht hier in den Giebel-
schrägen der Westfassade und des Quer-
schiffes in den Rundbogenfries über,
der uns in Deutschland zuerst in Lim-
burg a. H. und gleichzeitig in Reichenau-
Mittelzell begegnet und um 1050 schon
allgemein ist. Als weiteres Motiv in der
Anßendekoration hat Ca,des die Zwerg-
galerie angemendet. lieber diese sagt
Dehio (S. 612): „Sie zeigt sich zuerst
in den Apsiden, denen sie auch imnicr
als vorzüglich charakteristisch verbunden
bleibt. Wohl Reminiszenzen ans dem Zen-
tralbau werden es gewesen sein, die dahin
führten, den obersten, von der innern
Halbkugel nicht mehr senkrecht belasteten
Teil der Apsidenmauer in Strebepfeiler
anfzulösen; so an St. Ambrogio zu Mai-
land vielleicht bis ins 9. Jahrhundert hin-
anfreichend, an St. Sofia in Padua und
an St. Guilhem en Desert (Provence) etrva
aus der Frühzeit des 11. Jahrhunderts.
Später verrvandelten sich die Strebepfeiler
in freistehende Sänlchen, wodurch nicht
nur ein Motiv von großem dekorativem
Reiz gewonnen, sondern auch die Stärke
der unteren Manerteile unmittelbar an-
schaulich gemacht wurde. Schließlich wurde
die Zwerggalerie auch an den (frühzeitig
gewölbten) Seitenschiffen und an: Front-
giebel znnl Ausdruck der unbelasteten
Mauerendignng." Vorgänge in dieser Hin-
sicht finden wir in Deutschland am Dome
zu Speier und an der Kirche zu Schwarz-
rheindorf. Im rheinischen Uebergangsstil
tritt die Ziverggalerie dann, bereichert
durch einen darunter hinlanfenden Platten-
fries, ganz gewöhnlich an den Chorteilen,
Kuppeln und Türmen auf, am reichsten
wohl bei der Dreikonchenfamilie (Groß
St. Marti», Apostel, St. Gereon in Köln),
wo die Sänlchen gepaart und die Arkaden
durch zwischenstehende Bündelpfeiler in
Gruppen zu drei geteilt sind. Manchmal
ist sie auch zur bloßen Blendgalerie redu-
ziert. Und hier in Untertürkh eim sehen
wir beide Arten der Galerie augewendet:
die beiden Längsseiten der neuen Kirche
(s. Beil. Nr. II Zeigen obenan: Schiff offene
Zw er g g aler i e u,schmale, mit Steinplatten
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