Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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[teilten bedeuten, vermögen wir nicht zu
sage», und so hat die Phantasie hier
wieder einmal einen weiten Spielrattm
und kann vom christlichen Landinaun so-
ivie von Kreuz nnb Kultur träumen.

Auf einem Stein zu Keutheim ist etwas
eingehauen, was als eine Spindel ange-
sehen wird. Von der verwitterten Schrift
desselben ist nur noch zu lesen: mcccc
.... obiit margret. Ist vielleicht diese
Margret eine Burgfrau von Schloß Zavel-
stein gewesen?')

Wir treten noch einmal in das ehr-
würdige Gotteshaus und betrachten die
Einzelheiten und lassen das Ganze ans
uns wirken. Schon fliegen die Gedanken
in die verklungenen Jahrhunderte zurück
tlnd gedenken der alten Tage und all der
Lust, die das Kirchlein von Alters her
gehabt — da auf einmal ein tnächtiges
Dröhnen und Rasseln, es ist das Rasseln
des Eisenbahnznges, tvelcher von Calw
nach Horb fährt und dessen Wagen wir
durch das östliche Fenster erblicken.

Getviß, das Plätzchen bei Keutheim war
ehedem für einsiedelnde Mönche, welche
vom nahen Hirsau in diese Waldeinsam-
keit herauszogen, wie geschaffen, und auch
jetzt noch ist das Kirchlein von einem be-
sonderen Zauber umwoben; allein seitdem
sich in des Waldes und der Nagold Rau-
schen atlch noch das Rauschen des dahin-
sausenden Zuges mischt, hat es von seiner
Romantik eingebüßt, wenn auch Alter und
Lage und innerer Schmuck des Kirchleins
noch manchen Freund in seinen Bannkreis
führen werden.

Die Runstschätze des Klosters Mein-
garten zur Zeit der Säkularisation.

Bo» Hofrat I>r. Giofel in Ludwigsburg.

Am 24. Mai 1802 wurde durch einen
in Paris abgeschlossenen Vertrag zwischen
Frankreich und dent Erbprinzen von Rassan-
Oranien diesetn die Abtei Weingarten
mit Zubehör zngesprochen. Am 13. Sep-
tember desselben Jahres nahm derselbe in
provisorischer Weise von der Abtei Besitz.
Der Erbprinz hatte einen eigenen Ge-
st Bergt, die Grabkreuze von Neu-Bulach.
Wahrscheinlich, daß Spaten und Spindel nur
auf den Beruf oder die Arbeiten der Verstorbene»
Hinweisen.

sandten, den Negiernngsrat Naht, nach
Weingarten geschickt, damit derselbe die
herrliche Klosterkirche und die reichen
Klosterschätze anfnehme. Der Bericht, den
dieser Gesandte atn 4. Oktober 1802 ein-
sandte, hat folgenden Wortlaut:')

Die Kirche ist ein prächtiger Tempel,
zu welcheiit den 22ten August 1715 der
ersteStein gelegt und 1724 den lOtenJuni
das vollendete Gebäude eingeweiht wor-
den. Der Grundriß wurde von einem
dasigen Laienbruder Andreas Schreck von
Bregenz verfertigt, den aber hernach Herr
Donato Giuseppe Frisoni, ivürttembergi-
scher Ingenieur-Major, auch Hof- und
Land-Director verbessert, welcher fremde
Gebäude zil sehen mit Herrn Franzesco
Carlo»!, einem Stukador ans Italien zilr
rechten Zeit gegen Weingarten gekommen.

Die prächtige Kuppel, die ober» Lichter,
die 3 großen Altäre, das vortreffliche
Frontispicinnl und beide Thürme sind nach
dem Dessin dieses Künstlers hergestellt
worden. Die Kirche ist mit Einschluß des

Gemäuers lang ....

353

Schuh

Breit im Kreuz und zwischen



den Thürmen....

150



Breit im Schiffe und im Chor

100



Höhe von unten bis zur schön



geschweiften, um die ganze



Kirche laufenden Gallerie

30



Höhe der 4 blinden Kuppeln



im Schiffe ....

86



Höhe der großen Kuppel



sammt der Laterne und



Kreuz.

230



Höhe der Thürme . . .

205

n

„ des Frontispicinms .

140



„ des großen Altars

81


„ der 2 Altäre im Kreuz

74



und der kleinern. . .

28

11

Die Statuen, Figuren und Verzierungeil
aller Altäre sind Meisterstücke des Herrn
Diego Carloni.

Den Gipsmarmor der 3 größeren Altäre
hat verfertigt Korbelini, ein Italiener. Die
übrigen Altäre sind von Lorenz Schinuzer
von Wesobrunn in Bayern.

Die große Orgel nimmt beinahe die
ganze Breite des hintersten Teils der Kirche
auf der Gallerte ein und hängt meistens
in Schlendern, die auf dem Kirchengewölbe

') K. Staats-Filial-Archiv Ludwigsburg, Ab-
teilung Kl. Weingarten.
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