Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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Diese Jnsignie wird nun von manchen Archäo-
logen mit einem zweifachen Namen bezeichnet:
Nationale oder S u p e r h u in orale. So schreibt
Neusens: „Ehemals erfreuten sich einige Bi-
schöfe dos Privilegs, über der Kasel ein besonderes
Ornament aus kostbaren Stoffen tragen zu dür-
fen, das mau Nationale oder Superhumernle
nannte." ') Andere unterscheiden streng zwischen
Nationale und Superhumerale und halten beide
für verschiedene Ornatstücke, so u. n. Kanonikus
Eerf, Barbier de Montault und Nohnult de
Fleury. Nach Cers ist das Rationale kein Ge-
wandstück, sondern eine mit edlen Steinen besetzte
Goldplatte, das Superhumerale bezeichnet er als
ein Schultergewand (pelerine) aus Seide oder
aus reichen Stoffen.* 2) Auch Kraus neceptiert
diese Unterscheidung und erklärt, wohl im An-
schlüsse an Cers, das Superhumerale „als eine
Art Pelerine oder Kollier mit Pendanis, das
um den Hals gehängt wurde", das Nationale
aber als „einen Brustschmuck, der aus einem
großen Schild oder auch aus einem breiten Band
mit zwei Schilden bestand".3) Nach Schrod,
der den Namen Superhumerale überhaupt nicht
ermähnt, ist das Nationale ein kleiner viereckiger
Brustschild oder ein zweiteiliges Gewandstück von
geringer Breite, das wie das Pallium von einer
Schulter zur andern Brust und Rücken bedeckt
und über der Kasel getragen wurde.4 *) Aeltcre
Gelehrte, wie der angesehene Liturgiker Georgi
und Ducnnge, hatten die Existenz einer solchen
Jnsignie überhaupt geleugnet und sie identisch
mit dem Pallium erklärt.6)

Bei dieser Verwendung verschiedener Namen
für dcnselbeir Gegenstand und desselben Namens
für zwei verschiedene Gegenstände ist die Klarlegung
der Bedeutung dieser beiden Namen, Nationale
und Superhumerale, wohl von nöteu.

Fragen wir zunächst die Gegenivart und
erkundigen wir uns, ivie man heute unsere Jn-
signie an jenen Orten bezeichnet, wo sie noch im
Gebrauch ist, so erhalten wir nicht dieselbe Ant-
wort. In Eichstätt, Paderborn und Krakau heißt
sie Rationale, in Toul aber Surhumeral (Super-
humerale) — an allen vier Orten aber ist sic
nicht aus Metall, sondern ein stofflicher Schultcr-
kragen oder ein Schulterband, letzteres in Krakau.

Wenden ivir uns an die Vergangenheit,
so muß die Antwort etivas ausführlicher lauten.
Die Liturgiker des Mittelalters gebrauchen das
Wort Superhumerale zur Bezeichnung verschiedener !
liturgischer Gewänder. So schreibt Pseudo-Alkuin
(10. Jahrhdt.j: „Auch jetzt bedienen sich die Diener :
der Kirche eines Superhumerale, das wir Amikt

') Re usens, Elements d’archeologie clire-
tienne, ed. 2., 11. (1886) 478.

-) Cerf, Dissertation sur le rational en
usage dans l’eglise roraane et dans l’eglise de
Reims, p. 234. Diese Arbeit wurde publiziert
in: Travaux de' l’academie nationale de

Reims. 83. vol. 1. Bd. Reims 1889.

3) Geschichte der christlichen Kunst, XI, 1> 496.

') Kirchenlexikon (2.Aufl.)X,795. s.v.Rationale. J

") Georgi, Liturgia Roman. Pontific. 1 !
(Romae 1731) 223. Duc an ge, Glossarium
s, v. Rationale; ed. Her sc hei V, 598,

nennen." ') B r u n o von Segni (j-1123) meint,
weil das erzbischöfliche Pallium auf den Schultern
ruhe, deshalb nenne man es auch Superhume-
rale. 2) Eine dritte Bedeutung endlich hat das
Wort Superhumerale in den „Statuten" der
Kirche von Toul aus dem Jahre 1497, die fol-
gende Beschreibung der Jnsignie enthalten: „Das
Superhumerale — sö genannt, weil cs auf beit
Schultern getragen wird — ist ein breites Band
mit Fransen, welches oben die Schultern um-
kreist, vorn und hinten mit zwei mauipelartigen
Ansätzen versehen, auf den Achseln zwei runde
Schilde hat und mit kostbaren Steinen versehen
ist."3) Diese Beschreibung paßt genau auf die
»och heute in Toul-Nancy gebrauchte bischöfliche
Jnsignie, sie paßt aber auch im allgemeinen auf
den Ehrenschmuck der Bischöfe von Paderborn
und Eichstätt, wo er jedoch Rationale heißt.

Woher stammt nun das Wort Nationale und
was bezeichnete es ehedem ? Bekanntlich gab es
unter den Ornatstücken des jüdischen Hohen-
priesters eine Jnsignie dieses Namens; es hatte
die Form eines viereckigen Schildes und wurde
auf der Brust getragen.'') Unter den Kult-
gewändern des Bischofs zählen jedoch die Litur-
giker deS Mittelalters, mit wenigen Ausnahmen,
kein derartiges Ornatstück auf. Nicht einmal
Bischof Durandus von Mende in Frankreich
(j- 1296), der gelehrte Verfasser der Schrift „Ra-
tionale", kennt es; ebensowenig die ältern Litur-
giker Walafried Strabo, Amalar von Metz, Hugo
von St. Viktor. Pseudo Alkuin bemerkt sogar
ausdrücklich: „statt des Nationale (des Hohen-
priesters) bedienen sich jetzt die Erzbischöfe des
j Palliums".6) Ivo von Chartres scheint aller-
dings ein dem jüdischen Nationale analoges
Kultgewand gekannt zu haben, denn er schreibt:
„Diesen Ornat (das Rationale) trug im alten
Testament nur der Hohepriester, bei uns nur
diejenigen, denen es gestattet ist"; und ein ander-
mal: „im neuen Bunde gebrauchen die Priester
kein Nationale, nur die Bischöfe bedienen sich
seiner".3) Doch ist die Möglichkeit nicht aus-
geschlossen, daß er hier das Pallium im Auge hat.

Mit Bestimmtheit sprechen nur zwei Liturgiker
von einem Nationale der Bischöfe, Honorius
Angüstodunensts und ihm nachschreibend Bischof
Sicard von Cremona (P 1215); ersterer schreibt:
„Das Rationale ist aus dem Alten Testament
herübergenommen, .... heute zieht man dem

') Oe divinis officiis c. 38. Migne, P. I,.,
101, 1239.

2) Tractatus de sacramentis. Migne, P. L.,
165, 1105.

8) Martin, Histoire des dioc&ses de Toul,
Nancy et S. Die, I (Nancy 1900) 407. ,,Dicitur
superhumerale, quia super humeros ponitur
post casulam. Est stola larga, fimbriata, cir-
cuiens humeros desuper, cum duobus manipulis
dimissis ante et retro, circa scapulas ex utraque
parte in modum scuti rotundi, lapidibus pre-
tiosis cooperti.“

') Exv d U s, 28, 15 ff.

'') De divinis officiis 1. c. col. 1239.

IvoCarnolensis, Sermo 3. Migne,
P. L„ 151, 523,
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