Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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Rationale Gold und Edelsteine vor, die vor der
Brust des Bischofs auf der Kasel befestigt werden."
Sicard hat diese Worte mit geringer Aenderung
aus den „Edelsteinen" des Honorius von Autun
entlehnt,Z sie gewähren uns feine rechte Vor-
stellung von dem betreffenden Ornaistücke; jeden-
falls aber war dies kein Schultergewand,
sondern anscheinend ein metallener Schmuck, der
auf der Brust des Bischofs befestigt wurde und
mit dein alttestamentlichen Nationale einige Aehn-
lichkeit hatte, also wohl von viereckiger Gestalt war.

Verschieden von diesein durch Honorius be-
zeugten inetallenen Ornatstücke war jene bischöf-
liche Jnsignie, die unter dem Namen Rationale
in verschiedenen päpstlichen Bullen des hohen
Mittelalters erwähnt wird und die als ein stoff-
licher Schulterornat bis jetzt in verschiedenen
Kirchen in Gebrauch ist, und zwar noch heute
unter dem Namen Nationale.

Das Resultat dieser Untersuchung ist also kurz
dieses: im Mittelalter gab es unter den bischöf-
lichen Insignien ein Gewand stü ck, das über
der Kasel getragen und bald als Superhumerale,
bald als Nationale bezeichnet wurde. Das Wort
Rationale wurde außerdem gebraucht zur Bezeich-
nung einer andern liturgischen Jnsignie, welche
in Form einer quadratischen, mit Gold und Edel-
steinen reich verzierten Agraffe über der Kasel auf
der Brust getragen wurde. — Die monumentalen
Zeugnisse werden diese Unterscheidung bestätigen.

Wir werden uns int folgenden des Wortes
Rationale durchweg zur Bezeichnung beider In-
signien bedienen, und wo es zur Unterscheidung
notwendig ist, das eine als stoffliches, das andere
als metallisches Rationale bezeichnen. Passender
würde man allerdings — wie es »och heute in
Toul üblich ist — das erstcre Superhumerale
nennen, wie wir auch zuweilen tun werden.
Wäre nicht in deutschen Kirchen und selbst in
den päpstlichen Bullen die Bezeichnung Rationale
für das Superhumerale üblich, dann möchten
wir vorschlagen, zur leichteren Unterscheidung die
beiden verschiedenen Ornatstücke auch verschieden
zu benennen.

2. F o r m u u d Ausstatt u n g.

Es ist jetzt unsere Aufgabe, die im Vorher-
gehenden angedeutete Verschiedenheit des Ratio-
nale im einzelnen genau zu bestimmen, und zwar
vornehmlich bezüglich der Gestalt, .hören wir
zunächst, welche Form und Beschaffenheit das
levitische Rationale hatte, von dem uns der hei-
lige Geschichtsschreiber eine sehr ausführliche
Schilderung hinterlassen hat. „Fertige, heißt cs
im Buche Exodus, den Brustschmuck der Ent-
scheidung (rationale indicii) in künstlich gewebter
Arbeit aus Gold, blauem und rotem Purpur und
doppelt gefärbtem Karmosin und gezwirntem
Byssus. Viereckig soll er sein und doppelt ge-
legt, eine Spanne soll sein Maß sein in der
Länge und ebensoviel in der Breite. Und besetze

') Honorius, Genuna animae I. 1 c. 213.
Migne, P. L., 172,608. S i c ar d u s , Mitrale
1.2 c. 5. Migne, P. L., 213, 78: „Rationale
vestis est a lege surnpta .... liodie praefertur
aurum et gemmae in peclore ponlificis, pla-
netis affixae.“

I ihn mit vier Reihen von Steinen: in der ersten
l Reihe sei ein Karneol, ein Topas und ein Sma-
j ragd; in der zweiten ein Karfunkel, ein Saphir
und ein Jaspis; in der dritten ein Hyazinth,
ein Achat und ein Amethyst, in der vierten ein
Chrysolit, ein Onyx und ein Beryll. Und sie
sollen die Namen der Söhne Israels tragen, die
! zwölf Namen sollen eingegraben werden, in jeden
I Stein der Name eines der zwölf Stämme. Und
bringe an dem Brustschmuck unter sich zusammen-
hüngende Ketten von ganz reinem Gold an, und
zwei goldene Ringe, welche du an den beiden
ober» Ecken des Brüstschmnckes setzen wirst, und
befestige die goldenen Ketten an die Ringe an
den Enden desselben und die Ende» der Ketten
verbinde mit den Häftchen auf beiden Schulter-
stücken des Schulterkleides (Superhumerale) auf
der dem Schulterschmuck zugewendeten Seite.
Fertige auch zwei goldene Ringe an und setze sie
an die Ecken des Brustschmuckes an den Saum,
welcher dem Schulterkleid gegenüber liegt. .. .
Und der Brustschmuck soll mit seinen Ringen mit
blauen Schnüren an die Ringe des Schnlterklei-
I des geknüpft werden." ') (Fortsetzung folgt.)

Literatur.

'Die M a l e r f a r b e ii, Bk a l - und Binde-
mittel und ihre Verwendung in der
Maltechnik. Zur Belehrung über die che-
misch-technische» Grundlagen der Malerei
für Kunstschule», Kunst- und Dekorations-
maler. Von Dr. Friedrich Linke,
Professor der Chemie und Leiter des che-
mischen Laboratoriums an der K. k. Knnst-
gewerbeschule, Dozent an der K. k. Akademie
der bildenden Künste in Wien. Stuttgart.
Paul Reff, Verlag (Karl Bttchle) 1904.
Preis 3 M. 50 Pf., gebd. 4 At.

Immer lauter, immer eindringlicher ertönt
allerorten, wo man für Kunst ein tieferes Inter-
esse hat, die Klage über den raschen Verfall,
den so viele neue Werke der Malkunst zeigen.
Meisterwerke, die, als Kunstereignisse gepriesen,
die Welt entzückt haben, erscheinen nach wenigen
Jahren in ganz verschobenen Farbwerten, in ge-
i trübten, teils verblaßten, teils verdunkelten Teilen,
borkig verschrumpft und zerrissen. Wie wird erst
j nach weiteren Jahrzehnten der Jammer über
viele der allerneuesten Werke erschallen! Von
einer Seite wird der Tenor der Klage auf das
schier greuliche Chaos der Malmethoden, der
Maltechnik gelegt, anderseits jammern die
. malenden Künstler Uber das unverläßliche heutige
Material, über Verfälschung und Vcrpantschung
von Farben und Malmitteln. Und wem wird
die Hauptschuld an diesem so beklagenswerten
Zustande gegeben? Zumeist der bösen, bösen Che-
mie, die mit ihren „hochgepriesenen Fortschritten"
Fälschern und Pantschern und „Erfindern neuer
Maltechniken" immer mehr, und immer neue
Mittel für ihr verderbliches Beginnen an die
Hand gibt. Wie wenig Recht, wie viel klndank
in dieser Anklage! Wem siele es ein, die Fort-
schritte der Photographie und der Reprodultions-
j___

1 ') Nach der Ucbersetzung von Allioli-Arudt.
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