Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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techniken zu verdamme», iveil sie auch täitschcn-
dcre Bauknotenfälschttngen ermöglichen? — So
die Einleitung, und der Verfasser zählt dann
auf, was die Malkunst der Chemie zu verdanken
habe. Eine Menge schlechter Farbe», unhaltbarer
Farbstoffe, gibt der Verfasser selbst zu, hat die
neuere Chemie auch geschaffen, die der Künstler
eben meiden muß — meiden muß, auch wenn
sie sich unter falschen, beruhigenden Namen auf
seine Palette schleichen wollen, lind da liegt der
Angelpunkt. Um sie meiden zu können, muß
man sie kennen und erkennen. Die Grundlagen
aber für solche Kenntnis soll das vorliegende
Werkchen geben und es erscheint uns daher für
Kunst- und Dekorationsmaler fast unentbehrlich
zu sein. Interessant ist, was der Verfasser über
Farbenfabriken sagt: Ausschließlich gute

Farben liefert keine Fabrik. Beschwört man
Farbenfabrikanten, zu Künstlerfarben doch nur
die erprobt guten, haltbare» Farbenkörper zn
verwenden, und schlechte, unhaltbare Farben —-
wie solche in ihren Listen zu Dutzenden figuriere»
— gar nicht zu erzeugen, so heißt es stets, das
sei unmöglich, da anch die schlechten Far-
ben von d e n K ü »st lern verlangt w c r -
den, die Karminfarben, Van Dyk-Braun, Tcck-
grün u. s. w. Wer sie nicht herstelle, verliere
die Kundschaft an die Konkurrenzfabriken. Es
müssen also zunächst dis Maler wissen, was
schlecht ist, um nur etwas Gutes verlangen zu
können. Entsällt die Nachfrage nach den schlechten
Farben, so werden diese naturgemäß auch von
selbst vom Markte verschwinden. Nur die.Künst-
ler selbst können also da eine Aenderung zum
Bessern anbnhnen. Also mögen sie alle zu
obigen,, durch und durch sachverständigem und
praktischem Büchlein greifen!

„D i e K ii n ft". Sammlung illustrierter Mo-
nographien. Herausgegeben von 3!. Muther.

Band IX. Leonardo da Vinci von
N. Muther.

Neben Michelangelo haben wir ohne Zweifel
in Leonardo da Vinci de» gewaltigsten Genius
der italienischen Renaissance zu erblicken. Die
Universalität, die Sinnenfreudigkeit, auch die re-
ligiöse Zweifelsucht jener Zeit ist in ihn, Fleisch
geworden. Die gewiß nicht leichte Aufgabe, Per-
sönlichkeit und Kunst dieses llniversalgenies in
dem engen Rahmen eines der niedliche» Bnrd'-
schen Monographienbändchen zu würdigen, hat
R. Muther selbst überuonuneu und in seiner Stvt
auch trefflich gelöst. DieDnrstellungsweise ist ganz
Muther: geistreich, prickelnd, pikant, fast durch-
weg gesättigt von einem gewissen erotischen Par-
füm. Daß kunftgeschichtliche Themata in solcher
Zubereitung auch da noch Anklang finden, wo
man sonst für wissenschaftliche Darlegungen nicht
zu haben ist, glauben wir gern. Uebrigens ist
in der vorliegenden Abhandlung das Geistreiche
mnnchmal ziemlich aus die Spitze getrieben und
scheint uns der Verfasser namentlich das Erotisch-
Weichliche in Leonardos Leben und Kunst über
Gebühr accentuiert zu habe». Den „siunenfrohcn
Paganismus" hat nicht, wie Muther cs darstellt,
erst Leonardo in die Kunst eiligesührt, er lag
in dem ganzen Wesen jener Kultur und schließ-
lich in, Prinzip der Rennissancetunst begründet.

So wären noch allerhand sachliche Ausstellungen
zu mache». Auch in dieser Monographie nimmt
der Verfasser wieder Anlaß, hellenische und christ-
liche Kunst einander gegenüberzustellen, und wie-
der fällt der Vergleich sehr zu llngunste» der
christlichen ans. Allerdings, dieses Resultat muß
sich ergeben, ivcnn man mit Muther der hel-
lenischen Kunst „alles Krankhafte, Lüsterne" (!)
abspricht, und anderseits die christliche Kunst
durch „die Darstellungen geschundener Märtyrer
mit Beilen im Kopf und Messern im Schenkel"
(p. 41) charakterisieren will. Tie Behauptung,
das Christentum sei „eine finstere, freudlose Re-
ligion" (p. 37), ist eine Verzerrung des christ-
liche» Lebensidcals und wenn ein anderer
als Muther den Satz aufgestellt hätte (p. 38)
„geht inan durch ein christliches Museum, so ist
alles düster", so müßten wir ihn der Unkennt-
nis beschuldige». Ein Fiesole, die Meister der
Kölner Schule, überhaupt die gesamte srüh-
gotische Kunst düster! Und gehören die bedeu-
tendsten Meisterwerke Rafaels, eine Sixtina,
Sedin re. etwa nicht zur christlichen Kunst? Aus
derartigen, fast unbegreiflichen Bemerkungen
spricht eine große Voreingenommenheit des Ver-
fassers gegen das Christentum. Dennoch möchten
wir das Büchlein schon wegen der flotten, ge-
fälligen Darstellungsweise und der berückenden
Sprache empfehlen. Die Ausstattung mit zwei
Kabinettstücke» von Photogravüren und acht
Vollbildern in Tonätzung ist geradezu prächtig
und übcrtrifft bei weitem das, was man um den
sehr geringen Preis (M. 1.25 kartoniert) er-
warten könnte.

Buchlve. llr. I. Damrich.

Annoncen.

Neue, aufs reichste ausgestattete
Kunstgeschichte.

In clcrHerclersehen Verlagshandlung
zn Fl’eiburg im Breisgau ist soeben er-
schienen und durch alle Buchhandlungen
zu beziehen :

GESCHICHTE DER
BILDENDEN KÜNSTE

von Dr. Adolf Fäh.

Zweite, verbesserte und erweiterte
A u finge. Mit einem Titelbilde, 36 Tafeln
und 940 Abbildungen im Texte. Lex.-ö°
(XX und 786) M. 20.40 J geh. in Orig.-
Ilalbfranzband M. 25.— .

. . Trustes Quellenstudium, gewissen-
hafte Rücksichtnahme auf die Resultate der
neuesten Forschung, Klarheit der Diktion
und reicher Bilderschmuck vereinigen sielt
hier zu einem gelungenen Ganzen. . . ,‘l
(Monatsberichte über Kunst und Kunst-
wissenschaft, München 1903, lieft 4 5.)

hiezu eine Kunstbeilaae:

Die Kirche ztt UntertürkHeim.

Stuttgart, Buchdrucker,» der Alt.-Grs. „Tratsches Bollst'latf.
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