Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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lieber ihm hängt das künstliche Glocken-
spiel in zwei große Weintrauben (dem
Wappen von Weingarten) formiert.

Der Pater Chorregent, ein vorzüglicher
Orgelspieler und sehr gefälliger Mann,
zeigte und erklärte mir gestern den ganzen
Bau, den man auf inwendigen Stiegen
und Gängen völlig durchwandern kann.
Ich habe aber von dieser Kunstreise wenig
deutliche Begriffe zur Ausbeute erhalten,
wobei ich jedoch znm Trost hörte, daß
man jedem gemeinen Orgelmacher alle
Türen öffnen könne, ohne zu fürchten, daß
er den Mechanismus entdecken und ver-
raten werde.

Nach der Klassifikation, ivelche die Orgeln
in ganze, halbe u. s. w. einteilt, ist diese
weit mehr als eine ganze. Von den äußer-
lich sichtbaren Pfeifen haben die größten
32 Fuß Länge und 960 Maß Inhalt.
Inwendig aber sind noch größere, die zwei
Oktaven unter das tiefe C gehen und in
welche ein Mann von mittlerer Dicke sich
gemächlich hineinlassen kann. Die vorzüg-
liche inwendige Politur der Pfeifen trägt
sehr viel zur Reinheit und Stärke des Tons
bei. Von der letzteren kann man sich keinen
Begriff machen. Da muß alles, was Lärm
machen kann, verstummen, denn mit einem
Druck der beiden Hände und Füße kann
der Spielende über 400 große und kleine
Pfeifen ertönen machen, denen es bei
einem Lnftstrom aus 12 Bälgen an Odem
nicht fehlt.

Mit der innern Knust wetteifert die
äußere herrliche Architektur der Orgel, ohne
die Kirche im mindesten zu genieren, er-
füllt sie den Raum zwischen dem Fronti-
spiz und dem innern Gewölbe. Sie ruht
auf Säulen, die, wie alles Holz an der
Orgel, einen gelbgrauen marmorierten feinen
Lack haben, auf dem die reichen Vergol-
dungen sich unvergleichlich ausuehmen.

Äußer den Säulen wird sie durch mehrere
weiße Figuren von vorzüglicher Arbeit ge-
tragen. Ihre Höhe und die Abteilung in
zwei Hälften, wodurch vier Fronten ent-
stehen, auf denen eine große Menge von
Registern, die sonst verdeckt geblieben wären,
sich präsentieren, gibt ihr ein ausnehmend
reiches und geschmücktes Ansehen.

Wie ich höre, haben sogar ausländische
Schriftsteller von dieser Orgel als einem
der größten Meisterstücke geschrieben, und

hier null man versichern, daß keine in
Deutschland ihr an Vollkommenheit über-
legen sei.

Freilich ist von der Seite, wo Wein-
garten als eine Entschädigung in Rück-
sicht kommt, die ganze Herrlichkeit der
Kirche kein bedeutendes Objekt, könnte viel-
mehr, da sie keine Pfarrkirche ist, einst
noch in Verlegenheit setzen, allein von
jedem Freund des Großen und Schönen
verdient dieser der Gottheit würdige Tempel
gekannt zu werden.

Nette Monstranz im KoFofoftil.

(Vergl. die Kunstbeilage in dieser Nummer.)

Es ist im „Archiv" 1902 Nr. 11 „Ein
metallurgisches Prachtstück", eine Monstranz
in romanischem Stile, im Atelier des
Meisters Hugger zu Rottweil für die St.
Nikolauskirche in Stuttgart ausgeführt,
in Wort und Bild gegeben worden. Wir
bringen in heutiger Nummer ein weiteres
solches Prachtstück, und zwar in einem der
Spätstile, in Rokoko, ausgeführt. Das-
selbe stammt aus dem rühmlichst bekaun-
ten Atelier von F. Harr ach u. Sohn,
Kgl. baperische Hofsilberarbeiter und Zise-
leure in München, und wurde für die
Pfarrkirche in Scheid egg im bayerischen
Allgäu hergestellt. Dem Künstler lag eine
Eutwnrfskizze von dem bayerischen Ober-
baurat Höfl vor, welche aber bei der
Ausführung in der Ornamentik vereinfacht
und teilweise auch verändert wurde, und
zwar sehr zu Gunsten des Werkes. Na-
mentlich wurden mit Recht die nackten
Engelsgestalten des ursprünglichen Ent-
wurfes weggelassen und die Pilaster- und
Putten-Karyatiden in Säulchen umge-
wandelt.

Was die Komposition von Monstranzen
in den Spätzeiten der Renaissance — im
Barock und Rokoko — anlangt, so finden
wir meistens die Oval- oder Eiform, welche
sozusagen eigentlich nur Umrahmungen des
Thronus des Allerheiligsten bilden, und
es ist nicht zu leugnen, daß hier, nament-
lich bei den sogenannten „Sonnenmon-
strauzen", „das Allerheiligste wirklich und
tatsächlich den Haupt- und Mittelpunkt der
Monstranz bildet, so zwar, daß alles, was
au und in derselben ist, moralisch und
künstlerisch auf diesen heiligsten Kernpunkt
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