Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 15
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fach auch aus ganz anderen als religiösen
Motiven. So ist es ein geradezu uugeheu-
res Material, das zu berücksichtigen war, an
der Hand dieser Monographie durcheilen ivir
alle christlichen Kultur- und Stilperioden,
wir treten in die Katakomben und wandeln
durch die modernen Kunstsalons.

Ein Umstand, der sich in der fleißigen,
temperamentvoll geschriebenen Arbeit unan-
genehm bemerkbar macht, ist des Verfassers
mangelnde Kenntnis der einschlägigen theo-
logischen Fragen. Das Wenige, was nach
dieser Seite z. B. über den ergötzlichen
Nabelstreit geboten wird, reicht bei weitem
nicht aus, und bei einiger Heranziehung der
entsprechenden altchristlichen und mittelalter-
lichen Literatur wäre sicher auch auf manche
bildliche Darstellung der Stammeltern
ein erklärendes Licht gefallen. Auch manche
mittelalterliche Legenden, wie z. B. über das
caput adae, das Holz des Paradiesesbaumes,
u. s. w. wären dann dem Verfasser nicht ent-
gangen.

Das eigentlich Monographische hätten wir
ebenfalls mit mehr Gründlichkeit behandelt
gewünscht. Fragen, wie die über die Dar-
stellung Gottes bei der Schöpfung, über
die des Paradieses, der Schlange
u. s. w. mußte unbedingt mehr Aufmerksam-
keit geschenkt werden, lieber schwer zu deu-
tende Punkte, wie z. B. die Anwesenheit
eines Engels und einer Zuschauergestalt bei
Erschaffung der Eva (im Pollinger Psalter,
der übrigens eine Kopie nach einer ivohl noch
karolingischen Vorlage darstellt), das Flam-
menschwert in der Hand Adams (bei S. Be-
ham, vielleicht ein Hinweis auf den durch die
Sünde in die Welt gekommenen Krieg), das
merkwürdige vierfüßige Ungeheuer (bei
Hugo van der Goes, die Schlange vor dem
iiber sie ergangenen Fluch „auf deinem
Bauche sollst du kriechen") u. s. w., wird
ganz stillschweigend weggegangen. Was die
psychologische Begründung der und jener
Wandlung in der Darstellung der Stamm-
cltcrn anlangt, „tut sich" der Verfasser mei-
stens ebenfalls „sehr leicht". Ein paar banale
Phrasen über „Jesuitismus" und „Ketzer-
verbrennung" helfen ja im Notfall über daS
Schwicrigste hinweg. Ganz schlecht ist der
Verfasser auf Bernini zn sprechen, und in
der sittlichen Entrüstung über diesen immer-
hin tüchtigen Künstler tut er dann doch des
Guten etwas zu viel.

Eine Seite seines Themas hat der Ver-
fasser allerdings mit großer Gründlichkeit be-
handelt, Schritt für Schritt verfolgt er das
immer mehr sich entwickelnde Verständnis
der einzelnen Epochen und Künstler, zumal
für den weibliche rf Akt. Hierin geht
er meines Erachtens sogar etwas zu lveit
und verliert sich manchmal in Details, die
nur mehr für den Mediziner oder den —
Lebemann Interesse bieten. Der Stil dürfte
auch etwas besser gefeilt sein, Bildungen wie
„eine Miniature" (Seite 70) „der Heiligen-
kultus als Schutzpatrone gewann ..." oder

gar „die altchristliche Kunst des Mittelal-
ters . . .", machen sich schlecht.

Im einzelnen möchten ivir darauf
Hinweisen, daß der Zölibat mit Nichten
ein gegen die Würde des Weibes „geführ-
ter Schlag" (Seite 22) ist; die in dieser Ein-
richtung zu Tage tretende Glorifizierung des
jungfräulichen Standes kam vielmehr auch
der Wertschätzung des Weibes zu gut.

Die in frühmittelalterlichen Darstellungen
der Schöpfung wiederholt vorkommende
„frauenhafte Gestalt" (Seite 68)
ist keineswegs die personifizierte göttliche
Weisheit und noch viel weniger Maria „als
ursprünglicher Teil der Gottheit" oder „das
weibliche Prinzip in der Gottheit" (I).
Hat der Verfasser nie davon gehört, daß Chri-
stus bis ins 12., ja 13. Jahrhundert herauf
häufig jugendlich bartlos dargestellt wurde?
Ob nun in den angeführten Fällen, z. B.
auf der Augsburger Bronzetüre, Gott dem
Vater der Christustypus gegeben wurde (mit
Beziehung auf die Stelle: „Philippus, wer
mich sieht, sicht auch den Vater"), oder ob tat-
sächlich C h r i st u s als Schöpfer dargestellt
iverdcn ivollte, („omnia per ipsum facta
sunt") kann im Zweifel bleiben.

Daß das Nackte in Brevieren, Gebet-
büchern u. s. iv. mit einer gewissen Absicht
häufiger dargestellt wurde, als in Bibeln
u. s. w., die mehr für Laienkreise bestimmt
waren (Seite 61), ist eine mehrfach un-
richtige, bei näherer Kenntnis der damaligen
Buchkunst unhaltbare Behauptung.

Seite 76: „Wir sehen hier, daß cs de»
Klostcrkünstlern auf keinen Fall darum zir
tun ivar, die Schönheit in ihre Rechte
einzusetzen." Ein alter, aber immer iviedcr-
kehrender Aberglaube! Daß diese Mönche
nicht im 16. oder 16., sondern im 10., 12.
Jahrhundert malten, ist ebensowenig ihre
Schuld, als daß sie vielfach auch in der Be-
gabung keine Raffaels waren. Gestrebt
aber haben sie nach s ch ö n e r Darstellung
ebenso wie jener.

Seite 79: „Die einseitig nichtswürdjigc

Denkungsart derer, die zum Kampf mit den
Sarazenen anszogen", habe den sogenannten
K e u s ch h c i t s g ü r t e l eingeführt. Ich
kann dem Verfasser verraten, daß über die
Echtheit der wenigen in unseren Sammlungen
sich findenden Keuschheitsgürtcl in cinge-
wcihten Kreisen die merkwürdigsten Historien
umlaufen. Jedenfalls ist cs „einseitig", des-
halb allgcinein von der Nichtswürdigkeit der
Kreuzfahrer zu reden.

Seite 98: Wenn in der mittelalterlichen
Kunst in Eva vielfach die Sünde, das Ver-
führerische des Weibes personifiziert er-
scheint, so ist dadurch nicht „das Weib" als
solches herabgesetzt. Das Mittelalter sah das
Weib personifiziert in Eva und Maria, die
ihm gewissermaßen die beiden entgegengesetz-
ten Pole der Weiblichkeit darstellten: auctrix
peccati Eva. auctrix meriti Maria (St. Augustin?.

Seite 286: „Das Bibellcsen ivar ein ver-
botener Genuß, dem nur Ketzer frönen
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