Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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garten im Karthäusertal 1762 starb. Jetzt
lehnt sich an den Chor das Mesnerhaus,
das zur Zeit leer steht und bloß zur Auf-
bewahrung der Paramente rc. dient. Der
zierliche, gegen oben ins Achteck übergehende,
mit einem Zwiebeldach gekrönte Turm zeigt
schöne Gliederung und gute Verhältnisse.
Die Kapelle selbst, ziemlich geräumig mit
drei Altären, hat besonders durch die vom
quellenreichen Berge eindringende Feuch-
tigkeit derart gelitten, daß eine gründliche
innere und äußere Renovation zur uuab-
weislichen Notwendigkeit wurde. Unter der
Leitung des Knnstvereinsvorstandes wur-
den die Pläne von Kunstmaler Sieben-
r o ck und Dekorationsmaler Edelmann
entworfen und fand der diesbezügliche
Stiftungsratsbeschluß unterm 12. Dezember
1902 die bischöfliche Bestätigung.

Wie überall bei Renovationen, so mußte
auch hier der Grundsatz zur Anwendung
gebracht werden: „Restauriere zuerst das
Notwendige und dann das Dekorative";
also zuerst das zur Existenz des Gebäudes
und seines Zwecks Unerläßliche, nämlich
Dach, Fenster, die Umfassungsmauern
innen und außen. Erst muß für die Er-
haltnng des Gebäudes gesorgt werden.
Die Kapelle hatte durch die Feuchtigkeit
derart notgelitten, daß der Bewurf mit
Sockel ringsum weggefallen, sämtliches
Gestühl unten abgefanlt und das Wasser
zwischen den grün gewordenen Bodenplätt-
chen heransgelaufeu war. Nach Entfer-
nung der Bänke und Plättchen wurde
mitten durch die ganze Kapelle ein meter-
tiefer Graben gezogen, um die Ursache
dieser hochgradigen Feuchtigkeit zu erfahren.
Und wirklich fand man unmittelbar neben
dem Hochaltar etwa 1 Meter tief eine
sehr starke Quelle, welche den Untergrund
der Kapelle jahrzehntelang durchnäßt hatte;
dieselbe wurde gefaßt und in eisernen
Röhren in die Gemeindewasserleitung ein-
geführt. So ist jetzt die Kapelle innerhalb
Jahresfrist beinahe ganz ansgetrocknet.

Das Aeußere der Kapelle zeigt, wie die
Pfarrkirche in Dischingen, ein leichtes Rosa,
durchbrochen von weißgehaltenen Feldern.
Die Wände im Innern sind in leichten
Farben abgetönt und um die Fensternischen
Stäbe mit Rokokoornamenten, Kartuschen
n. s. w. gezogen. Der Hochaltar birgt
ein Oelgemälde in sich, den hl. Johann

Nepomuk darstellend, wie er gleichsain
seine Zunge Christus und der hl. Jung-
frau aufopfert, umgeben von Engeln,
welche die Marterwerkzeuge des Heiligen
tragen. Der einfache Altar ist stilent-
sprechend marinoriert.

Ueber der Mensa der beiden Reben-
altäre erheben sich Nischen mit den Sta-
tuen des hl. Joseph und des hl. Notger.
Diese am Ende der Seitenwände und vor
dem Chor in der Ecke befindlichen Nischen
zeigen oben reiche Stuckornamentik und
zwar in einer Feinheit der Ausführung,
wie man sie sonst in Landkapellen nicht
zu sehen bekommt. Auch der Plafond im
Chor hat reiche Stuccatur mit vielen
Engelsköpfen, je zwei oder je drei bei
einander, sehr schön ausgeführt, desgleichen
ist die Decke im Schiff mit den feinsten
und zartesten Stuccaturen besät, die eine
ungewöhnliche Gewandtheit in Zeichnung
und Motivenreichtum zeigen und zugleich
die Uinrahmung von sechs kleinen Fresko-
bildern geben.

Im Laufe der Zeit ist der Plafond
schadhaft geworden und ein Teil der Bilder
und Ornamente heruntergefallen und nur
von Maurern wieder notdürftig hergestellt
worden. Nur noch drei Medaillonsbilder, der
hl. Johannes im Leiden und Sterben und
eine symbolische Darstellung des Beicht-
siegels zeigten »och die frühere Schönheit
des Plafonds. Jetzt galt es, den Plafond
ans Grund der noch vorhandenen wenigen
Stuccaturen und Bilder zu ergänzen. Die
Firma Rothe n. Hilliger-Stuttgart
besorgte die Ergänzung bezw. Neuherstel-
lung der Stuccaturen; Kunstmaler Sieben-
rock entwarf drei neue Bilder, in welchen
außer den noch aus früherer Zeit von
Maler W. Paumgärtner stammenden, das
Martyrium und den Tod des hl. Johannes
Nepomuk darstellenden Fresken weitere drei
Hauptmomente aus dein Leben des Hei-
ligen berücksichtigt werden sollten. Man
wählte den Heiligen als Beichtvater, als
Prediger und als Schutzpatron von Iggen-
hausen. Diese drei Bilder al tempera
gemalt, sind gut entworfen und ebenso gut
durchgeführt. Durch seine Farbenpracht
zeichnet sich besonders das Hauptbild in
der Mitte aus, nämlich der hl. Johannes
auf Wolken schwebend, umgeben von Engeln,
wie er das so schön im Egautale gelegene
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