Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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Mialort segnet. Die Dekvratioilsarbeiten
sind ähnlich wie in Dischingen und sehr
gut durchgeführt. Da die Renovation sich
aufs Innere und Aeußere erstreckt, neue
Fenster (Kathedralglas) eingesetzt und ein
neues Gestühl erstellt wurde, bekommen
wir jetzt den Eindruck einer völlig neuen
Kapelle. Die Kosten wurden teils durch
Mittel der Kapellenpflege, teils durch milde
Gaben aufgebracht und betrugen etwas
über 3000 Mark.

Das Rationale in der abendländischen
Rieche.

Äon Beda Kleinschniidt O. F. M. in
Amaseno (Italien).

(Fortsetzung.)

»ein levitisches Kunstgewand hat in der hei-
ligen Schrift eine io ausführliche Beschreibung
gefunden, wie gerade das Nationale; wir haben
sie vollständig hieher gesetzt, um so leichter die
Äehnlichkcit zwischen diesem jüdischen und einem
ihm nachgebildeten christlichen Ornatstücke zu er-
kennen. Das Rationale dos Hohenpriesters war
»ach den angeführten Worten ein aus kostbaren
Stoffen angefertigtes und mit zwölf Edelsteinen
besetztes viereckiges Ornatstück, das mittels
Bändern auf der Brust befestigt wurde. Daß
unter den bischöflichen Insignien eine Zeitlang
ein ganz ähnliches Ornament üblich war, wird
durch literarische, ivie monumentale Zeugnisse
außer allen Zweifel gesetzt. Ein Rationale besaß
z. B. die Kirche von Salzburg, wohin es von
Bischof Gerhard (P 1086) ans Konstantinopel
gebracht war; hier hatte er es von dem Kaiser,
dessen Sohn er getauft, zum Geschenk erhalten.
Bei den Unruhen, die durch den Usurpator Berthold
in der Snlzbttrger Kirche verursacht wurden, ging
es verloren. Es liegt uns über dieses Rationale
folgende Beschreibung vor: „Unter den Pretiosen
der Kirche befand sich ein Rationale, das aus
Gold und Edelsteinen hergestcllt (intextum) war,
an goldenen Ketten hing und auf tausend Mark
geschätzt wurde." So kurz auch dieser Bericht
ist, so kann doch wohl kein Zweifel an der Aehn-
lichkeit dieses Rationale mit dem jüdischen Ornat-
stücke gleichen Naiuens obwalten. Wenn der Be-
richt dann noch hinzufügt, der Kustos der Kirche
habe es in vier Teile zerbrochen,') so ge-
winnt man den Eindruck, als ob es nur aus
Metall und Edelsteinen angefertigt, nicht aber
auch aus Stoff gewebt gewesen sei.

Roch deutlicher wird die Aehnlichkeit zwischen
der aaronitischen und christlichen Jnsignie durch
die Beschreibung, welche ein altes Inventar der
Kirche von Rheims von dem dortigen Rationale
überliefert hat. „Es ist daselbst ein großes und kost-

') Vita Gibeliardi, auct. monach. Admutensi
n. 8. Rationale unum ex auro et gemmis
pretiosis intextuni, aureis catenulis dependens....
Nordwinus arreptum rationale in quattuor frusta
confregit. Moniim. Germ. XI, 3 a.

bares Nationale aus reinem Gold mit vier Ringen
uitb ebensovielen Spangen aus Gold; auf dem-
selben sind zwölf kostbare, verschiedenfarbige
Steine in zwölf goldenen Kapseln, in welche die
Namen der zwölf Söhne Israels eingegraben
sind. Dieses Nationale hängt an einer goldenen
Kette um die Schultern des Bischofs; au den
beiden Seiten der Kette sind zwei schöne Steine
in Gold — Kameen genannt —, auf dem Rücken
ein großer Kristall angebracht." Die Beschreibung
läßt an Deutlichkeit kaum zu ivünschen übrig;
das Rationale von Rheims erscheint förmlich als
eine Nachahmung des levitischen Brustschmuckes.
Außer diesem kostbaren Ornatstücke, das nur an
Festtagen gebraucht wurde, besaß die Kirche von
Rheims noch ein zweites einfacheres Rationale
aus Gold und mit goldener Kette; in der Mitte
leuchtete ein Edelstein von ungewöhnlicher Größe,
den acht kleinere umgaben.')

Die Angaben des Inventars finden eine mo-
numentale Bestätigung, ivie wir sie nicht besser
wünschen können. Roch heute nämlich zeigen
einige Statuen im Donte zu Rheims, speziell die
des Papstes Klemens, jenes von dem Schatz-
verzeichnis beschriebene Ornatstück. Bereits Bock
hatte auf das bemerkenswerte Standbild hinge-
wiesen, um die Gestalt und Beschaffenheit des
Nationale festzustellen.s) Die Statue des hl.
Klemens, au dem Trennungspfeiler der Ein-
gangstür, stellt den Papst in vollem Ornat mit
Kasel, Pallium, Mitra dar. Auf der Brust trägt
er ein quadratisches Ornatstück, auf welches die
angeführte Beschreibung des Inventars genau
paßt, selbst die Ketten, an denen es um den
Hals getragen ivird, hat der Künstler deutlich
zur Anschauung gebracht.

Hiemit dürfte der Nachweis erbracht sein für
die Existenz einer liturgischen Jnsignie im Mittel-
alter, welche in Form des levitischen Rationale,
nämlich als quadratische, mit kostbaren Steinen
gezierte Agraffe, die Brust dos Bischofs schmückte.

2. Um die Form des stofflichen Rationale zu
bestimmen, sind wir fast ausschließlich auf die
Monumente angewiesen, diese aber zeigen es in
v i e l f a ch wechselnder Gestalt. Nicht nur
in verschiedenen Kirchen war es verschieden, selbst
in derselben Kirche ivar es einem häufigen Wechsel
unterworfen. Der Name Supcrhumernle, der

') Est unum magnum et pretiosum rationale
de puro auro cum quattuor annulis et totidem
agrappis de auro, in quo sunt duodecim la-
pides pretiosi diversorum colorum incusatti in
duodecim circulis aureis, in quibus sunt scripta
nomina duodecim filiorum Israel et pendel
ipsum rationale cum una catena de auro cir-
cumdante liumeros praelati, in cuius catanae
duobus laterilnis instant admodum pulviri duo
lapides, dicti camayeux, incussati in auro et a
parte posteriori unus sat grossus crystallus. —
Aliua rationale parvum de auro cum catena
aurea, in cuius medio interradiat lapis inusi-
tatae magnitudinis, qui dicitur camayea et in
circuitu ciusdem sunt alii lapides pretiosi, vi-
delicet quattuor smaragdinae et quattuor ba-
les. — Invenlarium 1470 et 1518 cit. von
C e r f, 1. c. p. 2518.

2) Gesch. der liturg. Gewänder II, 106.
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