Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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ihm in manchen Kirchen Beigele<;t wurde, deutet 1
auf eilte Aehulichkeit mit dem levitischeu Ornat-
stücke gleichen Namens hi». lieber dieses gibt
die hl. Schrift folgende Auskunft: „Es soll aus
Gold und blauem und rotem Purpur und doppelt
gefärbtem Karmesin sowie aus Byssus in künst-
lich gewebter Arbeit angefertigt werden. Zwei
Schulterblätter soll es haben, die oben auf bei-
den Seiten an den Schultern verbunden werden,
so dasi sie ein Ganzes bilden. Nimm auch zwei
Onyxsteine und grabe in dieselben die Namen
der Söhne Israels, sechs Namen in den einen
Stein und sechs in den ander», nach der Reihen-
folge ihrer Geburt. Setze die Steine mit Gold
gehalten und eingefaßt auf die beiden Seiten des
Schulterkleides.')

Tatsächlich haben mm einige Bischofssitze int
Mittelalter ein liturgisches Schultergewand ge-
habt, auf welches die vorhergehende Beschreibung
fast vollständig paßt, aber es führt nicht,
wie sein alttestamentliches Vorbild den Namen
Superhumerale, sondern Nationale; es ist im
Mittelalter eine Art Brust- und Schultergewand,
wenigstens in gewissen Kirchen und zu gewissen
Zeiten. Wenn mau jedoch die Entwicklung auf
den Monumenten genau verfolgt, dann ergibt
sich eine ungemein große Verschiedenheit. Was
Abbe Martin von dem Rationale tu Toul sagt,
läßt sich auch auf andere Kirchen anwenden:
Soviele Darstellungen, soviele verschiedene For-
men. ') Bereits Barbier de Montault hatte auf
Grund von 21 Abbildungen vier Formen unter-
schieden/) indem es nämlich nach ihm auftritt
entweder als ein breites Band um die Schulter
(collier) oder in der Form des erzbischöflichen
Palliums, oder als Kollier mit einem, zwei oder
drei Pendants oder in ganz singulärer Form in
dem Prachtkodex der Uota von Niedermünster
(Negensburg).

Diese vier verschiedenen Grundformen genügen
indes noch nicht, so häufig hat das Rationale
im Mittelalter seine Form gewechselt. Wir
glauben diese verschiedenen Formen auf folgende
zurückführen zu können.

->) Die ältesten Abbildungen des Nationale
stammen ans dem >2. Jahrhundert; schon hier
tritt es uns in verschiedenen Formen entgegen,
nämlich zunächst in der Gestalt des erz-
bischöflichen Palliums als Schulterbaud
mit einem Pendant auf der Brust, das bis an
den Saum der Kasel hiuabreicht. So sehen wir
es auf dem Siegel des Bischofs Heinrich t. von
Toul sch 1165); deutlicher auf dem Siegel des
Bischofs Evergis von Paderborn vom Jahre 1173,
ebenso auf dem Siegel des Bischofs Gebhard von
Henneberg (ch 1159) von Würzburg.*) Die
Aehulichkeit mit dem Pallium ist mauchmal so
groß, daß es sehr schwer oder gar unmöglich ist,

') Exodus 28, 6 ff.

2) Ilistoire des dioccises de Toul, de Nancy
de 8. Di£ I (Nancy 1900) 467 ss.

") Particularile du costume des dveques de
Portiers. Bulletiu monum. XIIII (1877) 639.

4) Vergl. die Abbildungen, bei deren Auswahl
mich das Bestreben leitete, die große Verschieden-
heit des Rationale zu zeigen.

zu entscheiden, ob das Pallium oder das Ratio-
nale dargestellt werden soll.

d) Auf gleichzeitigen Abbildungen erscheint es
sodann in einer das Pallium imitieren-
den Form: um die Schultern legt sich ei»
breites Band, von welchem auf der Brust ein
gleich breites Band herabhängt, das jedoch nicht
wie beim Pallium fast bis zu den Fußen, sondern
nur bis unterhalb der Brust herabreicht. Außer-
dem unterscheidet es sich von: Pallium, das der
künstlerischen Ausstattung gänzlich entbehrt, ge-
wöhnlich durch eine reiche Stickerei, durch Edel-
steine oder durch sonstigen Schmuck. In dieser
Form tritt es uns entgegen auf zwei Siegeln
des Bischofs Peter de Brixey von Toul aus den
Jahren 1175 und 1186, bei Bischof Wilbrand
von Paderborn vom Jahre 1227, wo es mit
kreisförmigen Verzierungen versehen, und im
Pontisikale Gundekars von Eichstätt. Diese für
die Entwicklungsgeschichte des Rationale überaus
bedeutungsvolle Prachthandschrift wurde von Bi-
schof Gundekar von Eichstätt (1057 — 1075) be-
gonnen und mit Unterbrechungen von seinen
Nachfolgern fortgesetzt; die Bischöfe tragen in
den meisten Fällen das Rationale und so sehen
wir seine allmähliche Entwickltiug. Der erste
Bischof, tvelcher mit dem Rationale bekleidet, auf-
tritt, ist Ulrich I. (-s 1099). Es hat bei ihm
und seinen nächsten Nachfolgern eine im Detail
sehr wechselnde, im wesentliche» aber überein-
stimmende Gestalt: ein breites Schulterband mit
gleichem Brustbehang; bei Bischof Ulrich, Burk-
hard (1158), Konrad I. (1171) und Otto I.
(1195) hat es auf den Schultern eine kreisförmige
Erweiterung, eine Art runder Schild, auch das
Ende des Behanges hat eine runde oder recht-
eckige Erweiterung. Diese Miniaturen entstanden
aber alle gleichzeitig, nämlich gegen 1200. Die
Verschiedenheit in der Darstellung dürfte auf
Rechnung des Künstlers kommen, der sichtlich be-
müht war, jeden Bischof von seinem Vorgänger
durch Stelltmg und Gewand zu unterscheiden, da
es ihm im Gesichtsausdruck nicht gelang. Jeden-
falls haben wir in Eichstätt gegen Ende des
12. Jahrhunderts im wesentlichen dieselbe Form
des 'Rationale wie in Toul und Paderborn und
Würzburg.')

c) Gleichzeitig erscheint es in einer dritten
Gestalt auf einem Siegel des Bischofs Bertram
von Metz vom Jahre 1194: breites Kollier mit
drei kurzen, rechteckigen Ansätzen, je eine auf
jeder Schulter und auf der Brust?) Nicht wesent-
lich verschieden davon ist die Form im Gundekar-
Pontifikale seit Bischof Heinrich von Zulpingen
(s- 1229); jedoch sind hier die Ansätze nicht recht-
eckig, sondern abgerundet, und bald länger bald
kürzer; das mittlere Pendant geht aber niemals
über die Brust hinaus. Auch hier muß die große
Verschiedenheit der Pendants auffallen, kaum ein
Nationale gleicht dem andern vollständig, der
Künstler ist mehr seiner Phantasie als der Wirt-

') In Würzburg z. B. bei den Bischöfen Embriho
und Gebehard.

2) Vergl. Abel, Etüde sur le Pallium et la
litre archeveque jadis portds par les dveques
de Metz (1867) p. 47. (Vergl. 2166.)
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