Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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joribus civitatibus portae praecipuae,
per quas sollemnes ingressus vel pro-
cessus fieri solebant. Gloss. med. et
inf. lat.). Die Städte Nom, Konstanti-
nopel, Thessalonich und Jericsalenc hatten
goldene Pforten. Von der Pforte zu
Jerusalem wird gesagt, daß Jesus und
Titus durch sie ihren Einzug gehalten
haben., daß hier jeder Sieger einziehe, so
oft Gott die Stadt entweder zur Strafe
oder Befreiung heimsucht. Hier brachen
auch die Araber unter dem Kalifen Omar
zuerst erobernd in die Stadt, hier haben
der Sage nach sich die Kreuzfahrer das
heilige Zion znrückerobert. Darum wurde
die Pforte in der Folge von den Türken
vermauert und ist es noch bis zur Stunde,
weil die Moslem sich mit der Prophe-
zeiung tragen, einst würden die Christen
als Ueberwinder triumphierend hiedurch
in Jerusalem einziehen. — Bis hieher
gibt es nun bei unserer Frage keine
Schwierigkeiten: es ist leicht verständlich,
daß die Tore, welche der goldenen Pforte
zu Jerusalem nachgebildet wurden, sich
durch eine gewisse Pracht anszeichneten,
und daß durch solche Tore die Fürstlich-
keiten n. s. w. bei feierlichen Anlässen
ihren Einzug hielten; ebenso leuchtet ein,
daß die Himinelspforte, welche Petrus
öffnet, nur eine goldene Pforte sein kann.
Anders liegt die Sache, wenn man ihr
auf den Grund gehen nnd eine genaue
Begriffsbestimmung für die goldene Pforte
haben null, hier tauchen Fragen auf, welche
noch der Lösung harren. Wir haben z. B.
noch nie von einer goldenen Pforte des
Münsters zu Ulm, oder Straßburg, oder
Freiburg, oder der Heiligkrenzkirche zu
Gmünd gehört. Sollte ani Ende doch das
eine oder andere Prachtportal den Namen
goldene Pforte führen oder geführt haben?
Wenn es aber an den genannten Gottes-
häusern keine goldene Pforten gab oder
gibt, ivie ist dann diese Erscheinung zu
erklären? Und die güldenen Pforten zu
Rom? — In einem Artikel des „Katho-
lik", Juni 1901, betreffend das Jubel-
jahr 1600 in der Augsburger Kunst wird
gesagt, daß das fünfte Pilgertor zu Sankt
Peter in Nom zur äußersten Rechten wahr-
scheinlich anläßlich der großen Jubiläen
den Titel goldene Pforte erhalten habe.
Diese Bezeichnung sei dann allmählich auf

die anderen Jnbilänmskirchen Roms über-
gegangen und aus der Oesfnnng des (zu-
genrauertcn) Tores habe sich nach nnd
nach ein liturgischer Vorgang gebildet.
Die gedachten Pforten befinden sich an
den basilicae majores St. Johann int
Lateran, St. Paul, St. Maria Maggiore,
welche auch den Namen portae sacrae
führen und beim Beginn des Jubeljahres
feierlich geöffnet werden. Man vergleiche
damit, was Beissel in seinem Buche „Bilder
aus der Geschichte der altchriftlichen Kunst
und Liturgie in Italien" S. 61/62 aus-
führt. Fünf Tore, heißt es dort, führten
aus dem Vorhofe in die alte Basilika des
hl. Petrus, die drei mittleren ins Mittel-
schiff, die beiden anderen in die inneren
Seitenschiffe. Ein sechstes (porta sancta),
durch welches man in das äußerste rechte
Schiff eintrat, wurde nach dem 13. Jahr-
hundert gebrochen. Dem mittelsten Tore
gab Leo IV. silberne Bilder (porta
mediana, argentea, regia major. Das
Haupttor wurde auch sonst porta regia
genannt). Zur Linken dieses Hanpttores
befand sich die porta Ravenniana, Ivel che
von den jenseits der Tiber wohnenden
Ravennnten und von den Männern be-
nützt ward; zur Rechten die porta Ro-
mana, durch welche die Frauen eintraten,
die rechts Platz nahmen, während die
Männer links standen. Neben der Männer-
türe öffnete sich das GerichtStor (porta
judicii) zum linken Seitenschiff. Es hieß
so, weil durch dasselbe die Toten, welche
vom Herrn gerichtet werden, in die Kirche
getragen wurden. Ihm entsprach auf der
Frauenseite die porta guidanea, durch
welche die Führer (guidones) die Frem-
den einführten.

Wir haben also bis jetzt schon ver-
schiedene Portalnamen, doch ist deren Be-
deutung im allgemeinen ziemlich klar, so
daß wir nicht länger mehr bei ihnen ver-
weilen wollen. Nur das mag noch her-
vorgehoben sein, daß bei den Griechen
und Russen die Türe, welche den Chor
von der übrigen Kirche trennt und, wenn
geöffnet, den Blick auf das Heiligste ver-
mittelt, porta regia oder sancta genannt
wird. Ebenso dürfte die prächtige Lettner-
türe, welche später die gleichen Dienste
leistete wie die Pforte des Jkonostasion,
nicht bloß etwa porta interior geheißen,
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