Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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sondern einen voller klingenden Namen
geführt haben.

Wenden mir nns zn einer anderen
Klasse von Pforten.

Schon frühzeitig hat man die alttesta-
mentlichen Vorbilder und Symbole Mariens
gesammelt und zusammengestellt. So fin-
den mir sie im Melker Marienlied, in
der goldenen Schmiede des Konrad von
Würzburg, in dem Arnsteiner Marien-
leich, im Atarienspiegel, in beut Gebete
einer Handschrift aus dem Kloster Engel-
berg in der Schweiz, in der Armenbibel,
in der Dichtung Walthers von der Vo-
gelmeide, in Hymnen, und in der Predigt-
sammlung des Honorins Augilstoduneusis,
welcher nach Endres ein Regensburger
Mönch gewesen ist. Ueberall wird Maria
in herrlichen Bildern gefeiert und im Hin-
blick auf Ezechiel 44, 2 auch als Pforte
Ezechiels (bestozzene borte entän deine
gotes worte — Melker Marienlied), als
das Königstor, von welchem Ezechiel sang,
gepriesen. In dem wohl 1014 ansge-
malten Evangelienbuch des hl. Bernward
von Hildesheim grüßt der Maler Maria
mit den Worten: „Sei gegrüßt dem hei-
ligen Geist geöffneter Tempel, Sei ge-
grüßt Gottes Pforte, nach der Geburt
geschlossen auf ewig".

Mit Bezug auf diese Grüße sieht man
zur Rechteit einen offenen, und zur Linken
einen geschlossenen Türflügel, und ober-
halb dieser beiden Pforten stehen die
Brustbilder Mariens und EvaS mit den
Inschriften:

Porta paradisi primaevam clausa per
Aevarn,

Nunc est per sanctatn cunctis pate
facta Mariam.

„Das Tor des Paradieses, verschlossen
durch die erste Eva, ist jetzt allen geöffnet
durch die heilige Maria".

Es war also die Vorstellung von Maria,
als der von dem Propheten Ezechiel ge-
nannten Kölligspforte, weit verbreitet
und wurde namentlich auch durch die bil-
denden Künste in immer weitere Kreise
getragen. So haben wir aus einer Photo-
graphie ein Gemälde von M. Schongauer
kennen gelernt, welches auf der Rückseite
eines Altars angebracht, Maria mit dem
Einhorn zeigt und mit vielen Symbolen,

darunter auch eine geschlossene Türe mit
der Inschrift: porta clausa. Sehr in-
teressant für unsere Untersuchung ist dann
das früher schon genannte UxkullischeAnte-
pendium mit seinen Pforten, bei welchen
porta clausa und porta Ezechielis noch
unterschieden werden, wohl etwa in dem
Sinne, daß damit die Unversehrtheit
Mariens vor und nach der Geburt her-
vorgehoben werden soll.

War es nun aber einmal so weit, daß
die Idee der porta clausa auf verschie-
denen bildlichen Darstellungen verkörpert
wurde, dann bedurfte es sicher nur einer
kleinen Anregung, um dieselbe auch in die
Architektur einzuführen und derartige An-
deutungen zn geben oder förmlich ge-
schlossene Portale herzustellen. — Roch
ein weiterer Gedanke legte sich nahe. Wie
im angeführten Fall ein offener und ein
geschlossener Torflügel erscheint, so mochte
man auch an den Kirchen Doppeltüren
aubringen. Ein Beispiel der letzteren Art
ist nns nicht bekannt; denn der Flügel
der Doppeltüre an der Südseite der Stadt-
pfarrkirche zu Horb ist wohl nur ans
praktischen Gründen zugemauert worden.
Wenn wir aber auch kein Beispiel der
bei Bernward gewählten Darstellung an-
führen können, so glauben wir doch, daß
man auch jetzt noch, dann und wann
wenigstens, eine porta clausa Überhaupt
treffeil sollte. (Die neueren Meßbücher
zeigen vielfach die porta clausa z. B.
bei den Bildern für Weihnachten und
Maria Verkündigung.)

Rur einige Vermutungen!

lSchlnß folgt.)

Vas Rationale in der abendländischen
Airche.

Von Beda Kleinschmidt O. F. M. in
Amaseno (Italien).

(Fortsetzung.)

Die Ansicht, in dein zweiten Falle habe man
anfangs überall die Form des Palliums imi-
tiert, läßt sich aus den Monumenten nicht be-
weisen, noch weniger durch literarische Zeugnisse.
Nach meiner Meinung vollzog sich die Bildung
des stofflichen Nationale also: Dian legte für die
Gestalt des neuen Ornatslückes — hie und da
mit Anlehnung an das Pallium — die Beschrei-
bung der hl. Schrift von dem Superhumerale
des Aaron zn Grunde, in dessen Erklärung die
Ansichten noch heute sehr von einander ab-
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