Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 41
DOI Heft: 10.11588/diglit.15937.25
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15937.27
DOI Seite: 10.11588/diglit.15937#0062
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1904/0062
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
41

Wer bediente sich des Nationale? Das stoff-
liche Rationale tragen nur die Bischöfe, ivclche
darin ein Analogon zmn erzbischöflichen Pallium
suchten. Indes hat cs niemals eine allgemeine
Verbreitung gefunden, es tritt nur diesseits der
Alpen ans. Ob es dazu eines päpstlichen Jn-
dnltes bedurfte, ist nicht sicher, doch scheint ein
solches vielfach eingeholt zu sein. So erhielt es
Halberstadt durch Agapet II ., Lüttich und Pader-
born durch Jnnocenz II. Jedenfalls hielt cs
aber mit der Einholung des päpstlichen Privi-
legs nicht so streng wie beim Pallium; denn
wie wir schon hörten, erhielt es Bischof Adalbero
von Metz durch den Bischof von Halbe»stadt.
Bon Erzbischöfen ivurde es >vohl nicht getragen;
sie bedurften einer solchen Jnsignie auch nicht,
da sie ja das Pallium hatte»». Dagegen be-
dienten einzelne Erzbischöfe sich des metallischen
Nationale. So haben »vir diese Jnsignie bereits
kennen gelernt in Rheims unb Salzburg; wir
werden sie noch treffen in Mainz und Aquilega.
Auch einzelne Pnpststntucn (Rheims, Bamberg)
sind damit geschmückt. Mir scheint indes in letz-
teren» Falle nur eine Lizenz des Künstlers vor-
zuliegen ; der Gebrauch des Nationale seitens des
Papstes ist sonst nicht bezeugt; hätte sich der
Papst desselben bedient, so ivürden die römischen
Ordines geiviß darüber Aufschluß gebt», sie
schweigen aber gänzlich davon. Auch einzelne
Bischöfe haben es getragen, luic bie Missa Katoldi
beweist und einige Monuinente andeuten.') Daß
auch Priester oder Diakonen es getragen haben,
läßt sich »vohl nicht beiveisen. Bock und nach
ihm B r a u n haben auf das Inventar der Sankt
Veitskirche in Prag Hingeiviesen, ivorin ein diako-
nales Nationale erivähnt ivird?) Ob hier ein
Analog zun» bischöflichen Nationale vorliegt und
»velcher Art es geivesen, läßt sich schivcr ent-
scheiden.")

-eck tenentum dicta Rationale cum casula et
habet quilibet acus in summitale unarn grossani
margeritam antiquain. Cerf, I. c. 252.

') Eine Zlrt metallisches Nationale tragen z. B.
vielleicht zivei romanische Äischofsstatuen am
Dome zu Paderborn, wenn es nicht eine
bloße Agraffe ist, was ich für ivahrscheinlicher
halte. Mb. Ludorff, Batt- und Kunstdenk-
mäler von Westfalen, Kreis Paderborn. Taf. 35,34.

2) Bock, a. a. O. II, 204. Ilern: aliud ra-
tionale diaconale cum parvis perlis et ca-
pitibus draconum.

3) Bock versteht unter dem erwähnten Ratio-
nale eine „Pektoralverziernng, ivie sie vo»n
zelebrierenden Bischof getragen ivurde". Indem
das Inventar die beiden Natioualien unter den
metallischeit Insignien des Schatzes aufzählt, er-
»vcckt es den Anschein, daß auch dieses diatonale
Nationale at>§ Metall ivar; indes lassen die
Perle»! und „Drachenköpfe", womit es verziert
war, ebenso gut an einen Brust- oder Schnlter-
kragen denken. Wären die Miniaturen in diesem
Punkte immer zuverlässig, dann ließe sich aus
ihnen »vohl die Existenz und Gestalt eines diaco-
nalen Nationale nachiveise». So zeigt eine Mi-
niatur des 12. Jahrhunderts zu Valenciennes
auf der Dalinatik eines Heiligen eine dem Ratio-
nale sehr ähnliche Verzierung. Abbild. Roha ul t I

Bei der Anlegung der liturgischen. Gewänder
muß der Bischof bestimmte Gebete verrichten;
das Pallium »vird ohne Gebet angelegt, bei dem
Rationale aber sprach der Bischof nach Anwei-
sung des Sakramentars des Natoldus:

Spes aelerne, Deus, cunclorumque certa, sa-

lusque,

Tu memor esto me! toto te Corde patent!,
Exsequar ut dighus coelestis munia vitae.
Dumque meis manibus tractatur mystica virtus,
Dispereat quidquid contraxerat ordo veternus.

Der Inhalt des Gebetes nimmt »vohl Rück-
sicht auf die Feier der hl. Messe, bei der das
Nationale getragen »vird, nicht jedoch auf die Be-
deutung des Nationale selbst. Dieses geschieht
aber ausdrücklich in dem kurzen Gebete, unter
'[ dem der Bischof von Krakau noch heute sich mit
dem Nationale bekleidet. Es lautet: Cireumda
me, Doniine, fidei armis, ut ab iniquitatum sa-
gittis erulus valeam aequitatem et iustiliam
custodire. l’er Christum Dominum nostrum.

Mit diesen Worten »vird das Rationale ausdrück-
lich als ei»» Shinbol der Gerechtigkeit und Billig-
keit gekennzeichnet, die der Bischof seinen „Schäf-
lein" gegenüber allezeit und überall beobach-
ten soll.

Wie lange hat sich das Nationale im litur-
gischen Gebrauch erhalten? Diese Frage läßt
sich eigentlich nur von Fall zu Fall beantworten.
Im allgemeinen scheinen die norddeutschen Bi-
schöfe früher darauf verzichtet zu haben als die
süddeutschen. Während »vir es in Süddeutsch-
land in einigen Kirchen nock) im 10. und 17. Jahr
hundert finden, verschivindet es in Norddeutsch-
land bereits im 13. Jahrhundert. In Bamberg
ivird noch 1026 in den Kustodierechnungen eine
Ausbesserung und Reinigung des Rationale er-
ivähnt, geivjß ein Zeichen für dessen Gebrauch,
in Regensburg sicht man es zuletzt auf dem
Grabmonumente des Bischofs David Kölderer
von Burgstnll (st 1579), in Würzburg zuletzt bei
Julius Echter (st 1617) (Bild l l), sein Nachfolger
Johann Gottfried von Aschhausen trägt statt des
Rationale bereits das Pallium.

Bis auf den heutigen Tag hat es sich in Süd-
und Norddeutschland in zivei Bistümern erhalten,
hier in Paderborn, dort in E i ch st ä t t;
außerhalb Deutschlands noch in To ul-Nancy
und in Krakau. Davon Ivird im einzelnen
noch näher die Rede sein.

5. Verbreitung des Rationale in der
abendländischen K i r ch e.

Während das Pallium seit dem achten Jahr-
hundert allen Erzbischöfen verliehen wurde, blieb

de Fleury, pl. 664; vergl. ibid. pl. 556.
Auch int Dome zu Monreale sind die Heiligen
Stephanus und Laurentius mit einem Ornnt-
stück geschmückt, das mit dem stofflichen Nationale
große Verwandtschaft hat. Abbild, Gravina,
11 duomo de Monreale. Tav. 14 D. Ferner
sieht man in der Tnufkapelle von St. Gereon
zu Köln romanische Wandgemälde, »velche einen
ähnlichen Schmuck zeigen. Trotzdem bleibt mir
die Existenz eines diakonalen Nationale, das dem
bischöflichen an die Seite gesetzt werden könnte,
mehr als ziveifelhaft.
loading ...