Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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das Nationale ein Vorrecht nur weniger Bischöfe,
und zwar finden wir es, wie bereits gesagt, nur
diesseits der Alpen; besonders war es in Deutsch-
land beliebt. Wir wollen nun int folgenden eine
Zusammenstellung aller Kirchen versuchen, in
denen es vorübergehend oder dauernd in Ge-
brauch war. Eine solche Zusammenstellung ent-
behrt allerdings nicht der Schwierigkeiten, weil
die Monumente manchmal eine dunkle Sprache
reden, indem das Nationale zuweilen mit dem
Pallium, »och oster aber mit Ornamenten der
Kasel eine tauschende Aehulichkeit hat. Wir stellen
die Kirchen nach Landstrichen zusammen, indem
wir von Norddeutschland ausgehen.')

1. Von allen Kirchen ist Halberstadt die
erste gewesen, für welche man, soweit sich bis
jetzt die Entwicklung überschauen lasch, die päpst-
liche Konzession des Nationale Nachweisen kann.
Wir erfahren dies aus dem schon erwähnten
Briefwechsel zwischen den Bischöfen Hildward und
Adalbero II. Crsterer gewährt zwar dem Metzer
Bischof das Nationale, jedoch unter der Beding-
ung, das; er es keinem anderen verleihe.")

Ob sich Monumente mit dem Rationale in
der Diözese Halberstadt erhalten haben, vermochte
ich nicht festzustelleu. Vielleicht dürfte es ein
Teppich in Quedlinburg aus der Zeit um 1260
sein. Auf diesem interessanten Monumente ist
die Vermählung des Merkurius und der Philo-
login nach dein Dichter Mareianus Kapella dar-
gestellt, eilt in jener Zeit beliebter Gegenstand.
Cs sitzt da ein Bischof mit Mitra und Stab
auf dem Throne, lieber der Kasel trägt er ei»
breites Baud mit kleinen Ansätze» auf Brust und
Schulter»,") ähnlich wie die Darstellungen im
Pontifikalo Gundnars aus einer etwas späteren
Zeit. Sollten wir hier wirklich das Nationale
vor uns haben, dann wäre es zwar nichts weiter
als eine Hypothese, der man aber wohl nicht
alle Berechtigung absprechen dürfte, wenn wir
diese Darstellung auf den Gebrauch des Natio-
nale in Halberstadt oder Naumburg zurückführen.

2. Naumburg ist nämlich die zweite nord-
deutsche Kirche, in der sich mit Sicherheit das
Nationale Nachweisen läßt. Sie erlangte unter
Bischof Dietrich (1116—1124) von Papst Calixt
das Privileg, das; der Bischof von Naumburg an
festlichen Tagen mit dem Nationale geschmückt
die Messe feiern dürfe.

') Auf einzelne der zu nennenden Monumente
hat I'. Braun in seiner Studie über das Nationale
(„Zeitschrift für christl. Kunst", 1606, S. 67 ff.)
zuerst hingewiesen.

") J a ff e - L ö w e n fe 1 d , Regesla Pontifi-
cum. >i. 6001 (2806): „Ecclesiae Ilalbersladensi
concedit, ut eius episcopi in celebratione mis-
sarum sollemnibus diebus utantur logio i. e.
rational! , quod est indicium doclrinae et veri-
tatis.“ — Vergl. Sigeberti, Vita lleoderici
I n. 9: „Respondit ilIe illi (Ililduaidus Adel-
beroni) : unum Individuum esse, sed quia uni-
tatis caritas nihil patiebatur negare, misso si-
mili iliud se ei communicare, ea proposita
conditione, ut neutri liceret ulterius iam ulli
ecclesiae iliud transfundere."Mon.üerm. 1V,468.

!l) Abbild. Otte, Kunst-Archäologie (5. Ausl.)
P 384.

3. Der Gebrauch des Rationale in der Kirche
von Minden ist behauptet und bestritten worden;
prüfen wir darum die Zeugnisse ein wenig ge-
nauer. In einem wahrscheinlich dem 13. Jahr-
hundert nugehörendeu Gedichte heisst es:

Cum hac valde exaltavit [sc. Leo III]

Ilunc pastorem, eum ornavit
Usu sacro pallii.1)

Diesen Worten zufolge wird dem ersten Bischof
Herkumbertus von Minden durch Papst Leo III.
der Gebrauch des Palliums konzediert. In einem
anderen alten Gedichte ivird dieselbe Sache er-
wähnt: das Pallium, fügt der Verfasser bei,
werde mit Recht auch Nationale genannt. Wenn
die angebliche Konzession durch Leo III. natürlich
auch eine Fiktion ist, so scheint doch kein Grund
vorhanden, deshalb der Mindener Kirche das
Nationale überhaupt abzusprechen. Zwar wünschte
der Verfasser des Gedichtes oder die Tradition
die Vorrechte der Mindener Kirche möglichst hoch
hinaufzurücken, aber sie waren doch damals bei
Abfassung der Gedichte vorhanden, sonst würde
der Verfasser sie ihr nicht zugeschrieben haben.

Sollte diese Beweisführung nicht genügend
erscheinen, so dürfen wir uns auf ein monumen-
tales Zeugnis berufen, dem man wohl nicht
widersprechen kann. Es ist eine von Schröder
in seiner Chronik von Minden publizierte Grab-
platte des Bischofs Bruno (1036—1055). Der
Bischof ist in liturgischer Gewandung mit aus-
gestreckte» Händen betend und mit dein Heiligeu-
schrein dargestellt, lieber der Kasel trägt er das
Nationale in Form eines Schulterbandes mit
zwei Pendants auf der Brust. Der Bischof steht
auf einem breiten Konsole unter einer Arkade mit
der Inschrift: Qui plasmasti me, miserere mei.
Am Rande des Grabsteines läuft die Inschrift

hin: Condidil hoc templum, quem claudit

Bruno sepulchrum praesul, lionor patriae, lumen
et ecclesiae, idibus quastis februi (sic) cali-
gine mortis it cinis in cinerem. Da Deus
buic requiem. Soweit die lithographische Re-
produktion ein Urteil gestattet, wurde die Grab-
platte wenige Dezennien nach dem Tode des
Bischofs augesertigt.").

(Fortsetzung folgt.)

Literatur.

200 Vorlagen f ü r P a r a in e»t c n st i ck e-
\ reien, entworfen nach Motiven inittel-

') Meibom, Rer. Germ. I. 551. — In dem
zweiten Gedichte (1. c. p. 552) heißt es: Et hoc
templum consecratur — A Leone et ditatur —
Multis privilegiis. — Nam liic praesul hono-
ratur — Mindensis qui vocitatur — llignitate
pallii. •— Quod bene rationale — Vocamus
et non male. — Nam trini Episcopi — Tan-
tum isli decorantur — Per quem recte vene-
rentur — Locus, gens et clerici.

2) Abb. Schröder, Chronik des Bistnms
und der Stadt Minden (1886) S. 80. Nach
einer freundlichen Mitteilung des Herrn Ober-
leutnant Wiesenbach zu Blinden soll sich die Grab-
platte daselbst befinden, und zwar mit der Bild-
släche nach unten.
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