Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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mit schönen Fresken von Giotto und
Gozzoli.

Uns liegt auch eine italienische Volks-
ausgabe vor, besorgt von Antonio Fassini,
Nom 1900. Dieselbe enthält außer dem
eigentlichen Text, den Sabatier bietet,
noch fünf Betrachtungen über den Berg
Alverna, das Leben des Franz und seiner
Genossen auf demselben, den Hergang der
Stigmatisation n. s. iv. In der zweiten
Betrachtung nun wird von der Entstehung
einer eigenartigen, sich ans Franz be-
ziehenden Achiropoiite folgendes erzählt.
Franz hatte sich ans den Berg Alverna
int Apennin zurückgezogen, um dort unter
Fasten, Gebet, Betrachtung und Selbst-
züchtigung ans das größte Geheimnis
seines Lebens, die Stigmatisation, sich
vorznbereiten. „Als nun das Fest der
Himmelfahrt Mariä sich näherte, begann
er das heilige Fasten mit gesteigerter
Abstinenz und Strenge, indem er seinen
Leib kasteite und seinen Geist kräftigte
mit glühenden Gebeten, Nachtwachen und
Selbstzüchtigungen. In diesem Gebets-
leben wuchs er von Tugend zu Tugend,
bildete seine Seele 511111 Empfang der
göttlichen Geheimnisse und den himmlischen
Auszeichnungen, seinen Leib aber, um
den grausamen Kampf mit den Dämonen
zu bestehen, mit denen er häufig zu
kämpfen hatte. Da geschah es unter
anderem einmal, daß Franz eines Tages
in Glut des Geistes die Zelle verließ
und vorwärtsschreitend ganz nahe am
Abgrund eines hohlen Felsens zu stehen
kam, an dem ihm eine ungeheure Tiefe
entgegengähnte — es war ein schrecklicher,
entsetzlicher Absturz. Da kam ganz plötzlich
der Dämon mit Sturm und schrecklichem
Gepolter, stürzt sich ans ihn, um ihn in
die Tiefe zu stoßen. Franz konnte nicht
fliehen, aber auch nicht den schrecklichen
Anblick des Dämons ertragen — da
wandte er sich rasch mit den Händen,
dem Gesicht und dem ganzen Körper an
den Felsen, empfahl sich dem Schutze
Gottes, tastete mit den Händen, ob er
sich nicht an irgend einem Gegenstand
festhalten könne. Doch, nach dem Wohl-
gefallen Gottes, der seine Diener nicht
stärker versucht werden läßt, als sie es
tragen können — höhlte sich plötzlich auf
ivnnderbare Weise der Fels, an den er

sich anlehnte, ganz nach der Form seines
Körpers und nahm denselben in sich ans
und gerade so, wie wenn er die Hände
und das Gesicht in weiches Wachs
gedrückt hätte, so prägte sich in genanntem
Felsen die Form des Gesichtes und der
Hände des Heiligen ein. So also, von
Gott unterstützt, rettete sich Franz vor
dem Dämon." Es wird dann weiter
erzählt, wie nach dem Tod des Franz
an derselben Stelle der Dämon einem
seiner Jünger ähnlich mitgespielt und ihn
in die Tiefe geschlendert habe, wie ihn
aber Franz durch persönliches Erscheinen
rettet und ihn wohlbehalten den Brüdern
zurückgab, die ihn, als zerschmettert,
eben aufsnchten, um ihn zu begraben.
So weit der Bericht über diese Sache
in . dem Anhang der Fioretti. Wann
dieser Anhang entstanden ist, ist endgültig
nicht festgestellt, aber höchst wahrscheinlich
gehört auch er dem 14. Jahrhundert an,
wie das Floretum selbst. Wie ist der
Bericht über diese Achiropoiiten entstanden?
Ist er reine Legende wie so manches Stück
(abgesehen von den ersten „historischen
Legenden" des Thomas von Celano, der
drei Genossen und des Bonaventura)
in den „Actus", dem Floretum und den
späteren Sammelwerken, wie Speculum
vitae und den Konformitäten des Pisaners ?
Oder ist eine schon vorhanden gewesene
eigenartige, menschliche Körperteile dar-
stellende Aushöhlung des Felsens Anlaß
zu der Erzählung geworden? Wie dem
auch sein mag, interessant ist der Bericht
deswegen, weil er beweist, daß auch noch
im 14. Jahrhundert der Gedanke der
alten „Stein-Achiropoiiten" fortdanert und
auch der Gestalt des großen Franziskus,
wie seinem Herrn und Vorbild, eine solche
zugewiesen wurde. Ein gelegentlicher Be-
such des Berges und Klosters Alverna,
von dessen Erreichung uns jüngst widriges
Wetter und noch hoher Schnee abhielt,
soll uns vielleicht noch Gelegenheit geben,
an Ort und Stelle nach der Sache zu sehen.

verschiedene Pforten.

Bo» Pfarrer Reiter.

(Schluß.)

Wir haben schon einmal hervorgehoben
(„Archiv" Jahrgang 1901 Nr. 10), daß wir
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