Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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an bev Kirche zu Alpirsbach und viel-
leicht auch au der Liebfrauenkirche zu Horb
eine porta clausa haben. Inzwischen
wurden wir darauf aufmerksam gemacht,
daß die Kirche in Kiebingen bei Rotteu-
burg ebenfalls eine porta clausa auf-
weise. Diese Mitteilung war uns sehr
willkommen und wollte uns umsomehr
eiuleuchte», als die Kirche zu Kiebingen
eine Marienkirche ist. Man sagt, daß die
Wahl des Kirchenpatrons auf das Kirchen-
gebände, seine Grundform, seine Architek-
tur und namentlich sein Schmuckwerk
mannigfachen Einfluß ansgeübt hat. So
seien z. B. Kirchen, welche ursprünglich
schon der seligsten Jungfrau zu Ehren er-
richtet worden sind, in zarteren unb zier-
licheren Formen gehalten als andere. Mit-
hin wäre die Möglichkeit gegeben, daß
man auch in Kiebingen schon mit Rück-
sicht auf den Titel der Kirche in jener
Zeit, in welcher man sich noch gut au die
zweifache Bedeutung der porta clausa
erinnern konnte, wirklich jene porta clausa
angebracht hat, um einerseits auf das ver-
schlossene Paradies, andererseits auf die
seligste Jungfrau Maria hiiizuweiseu. So
dachten wir, bis uns auf eine Anfrage
beim Pfarramts Kiebingen die Nachricht
wurde, daß die fragliche Türe auf der
Südseite aus rein praktischen Gründen
zugemauert worden sei. — Wird am Ende
eine andere diesbezügliche Vermutung ein
ähnliches Schicksal erfahren?

Wir haben neulich die wundervolle
Marienkirche in Reutlingen besichtigt und
ans der inneren Chorwand der Nordseite
so etwas wie eine Andeutung von einem
ehemaligen Portal wahrnehmen wollen.
Was sagt die Baugeschichte? Weiß sie
zu melden, daß dort oben einmal eine
Galerie, ein Chörchen oder so etwas ge-
wesen ist? Wenn die Bangeschichte uns
solche Meldung macht, daun nehmen wir
dieselbe mit Befriedigung entgegen; sollte
sie uns aber nichts 311 sagen wissen, dann
fühlen wir uns wieder versucht, auzn-
nehmen, es möchte aus der gedachten
Höhe ein Stück Symbolik herniederschauen.

„An der Südseite der Kirche zu Deiuinge»,
Landkapitel Donauwörth, beim Zusammen-
schluß von Chor und Langhaus scheint
eine nun abgebrochene Kapelle heraus-
getreten zu sein; man soll sie die goldene

Pforte genannt haben" (Steichele, Bistum
Augsburg). Welche Bewandtnis hat es
mit dieser Kapelle oder dieser goldenen
Pforte? Wir haben schon selber Kirchen
beobachtet, bei denen Kapellen oder Sakri-
steien abgetragen waren, z. B. in Ober-
isfliugen, OA. Frendenstadt, allein solange
uns bei Deiniugeu keine Urkunde meldet,
daß dort einmal wirklich eine Kapelle
herausgetreten und später entfernt worden
sei, so lauge möchten wir der Vermutung
Raum gebe», daß es sich daselbst um eine
Pforte gehandelt habe, diese Pforte wird
aber wohl kaum eine sogenannte goldene
Pforte gewesen sein; eine solche hätte be-
sonderen Schmuck getragen und wäre über-
haupt nicht leicht ganz zugemauert worden,
wir möchten deshalb glauben, daß die
fragliche Porte vorerst für unsere Zwecke
in Anspruch genommen und als porta
clausa angesehen werden könnte.

Die Beschreibung der Stadt Straßburg
und des Münsters daselbst von Professor
Dr. Julius Enting berichtet S. 60, daß
neben der Sakristei (früher Lanreutius-
kapelle) sich ein merkwürdiges vermauertes
Portal befinde und fragt, ob hier wohl
früher ein Eingang zum ehemaligen Bruder-
Hof gewesen. Wir sind geneigt, dieser
Frage eine andere gegenüberznstelleu, näm-
lich die: Ist dieses herrliche romanische
Portal an der Ostwand des nördlichen
Querschiffes, vor welchem heute der Tauf-
stein steht, nicht als porta clausa zn be-
trachten ?

Vor nahezu zwei Jahren machten wir
einmal von Wangen im Elsaß einen Aus-
flug nach Maursmünster, um die dortige
große gotische Kirche mit ihren romani-
schen Ueberresten zu besichtigen. Auf der
Fahrt dorthin trafen wir einen Herrn
Abbe, welchen wir alsbald über die Denk-
würdigkeiten der Kirche zu Maursmünster
befragten. Der freundliche Herr machte
uns auf einige Sachen aufmerksam und
nannte dann auch eine rätselhafte zuge-
mauerte Türe, über deren Zweck man sich
»och nicht im klaren sei. Wir fanden
diese Türe auf der Nordseite und glaubten
nicht anders, als daß wir hier wohl
wieder eine porta clausa beobachtet
haben.

Wir standen auch schon vor dem Münster
in Colmar, welches dermalen einer gründ-
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