Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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ficften Restauration unterzogen wird. Auf
der Nordseite des Münsters sieht man eine
zngemanerte Doppeltüre, welche einige
Rätsel aufgibt. Vielleicht hat sie früher
den Verkehr vermittelt zwischen den Stifts-
herren und der Stiftsmühle, welche sich
ehedem in unmittelbarer Nähe befand,
vielleicht hat sie einem anderen praktischen
Zwecke gedient (Vortaufe?); vielleicht be-
rechtigt sie aber auch zu der Frage, ob
wir hier nicht eine porta clausa vor uns
haben. Z

Dem Führer durch Schlettstadt von
Joseph Geny vom Jahre 1903 entnehmeil
wir die Notiz, daß an der Nordseite der
prächtigen St. Georgskirche eine einfache
romanische, jetzt zngemanerte Türe zu
sehen sei, an welcher nach der Sage früher
der Henker dem Gottesdienste beiwohnte.
Man kann fragen, ob etwa in der Lokal-
geschichte von Schlettstadt irgend einmal
eine Begebenheit gespielt habe, welche zu
der Sage Anlaß gegeben. Oder ist etwa
die Sage als Nebensache und die zuge-
mauerte Türe als Hauptsache zu betrach-
ten, so daß man bei der zugemauerten
Türe eine porta clausa vermuten dürfte?
Oder war auf der Nordseite früher ein-
mal eine porta rubra angebracht, bei
welcher Gericht gehalten wurde, so daß
der Gedanke an Gericht und Verurteilung
den Nährboden für die Sage vom Henker-
abgegeben hätte?

Auf letztere Annahme dürfte einiges
Licht geworfen werden durch ein paar
Stellen aus der Studie des Jesuiten
St. Beissel über die Kirche des hl. Viktor
zu Lauten.

Die alte Vorhalle (Portiens, Paradisus),
lesen luir dort S. 62, diente früher als Be-
gräbnisstätte. Sie war aber anch die Gerichts-
halle des Stiftes für alle Streitigkeiten,
die unter dessen Untergebenen aus dein
Laienstande zu schlichten waren. Darum
war die Türe, welche aus dieser Vorhalle
in die Kirche führte, rot angestrichen,
indem ja rot bei den Deutschen die Farbe
des Blutbannes und später überhaupt die
des Gerichtes war. Die Türe, welche

') Und die eigenartige Nische oben an der
Ostivand des südlichen Schiffes der Stiftskirche
zu Tübingen? Und das zugemauerte Portal
in der Ostwand des südlichen Qnerschiffes der
Klosterkirche zu Ebrach?

ans beut Umgänge in die Kirche führte,
war inl Gegensatz zu dieser roten Türe
vergoldet. Eine Urkunde von 1120 be-
richtet ausdrücklich, daß einer der Kanoniker
als Stellvertreter des Propstes in der
Vorhalle zil Gericht saß, ja er verdankte
wohl dieser Vorhalle nub ihrer roten
Gerichtstüre seinen Amtsnamen — Por-
tnarius. Lauten steht hier übrigens nicht
allein); denn in fast allen mittelalterlichen
Kirchen diente die Vorhalle als Gerichts-
stelle, und, wie es scheint, war ihr Tor
auch anderswo rot angestrichen. Die
Sitte, am Tore Gericht zu halten, findet
sich schon in den Büchern des A. T. und
besonders im Büchlein Ruth bezeilgt, in
dem erzählt wird, daß die Aeltesten unter
dein Stadttore zu Gericht saßen. (Zu

vergleichen auch Seite 255 in den Bildern
ails der Geschichte der altchristlichen Kunst
und Liturgie in Italien voll Beissel.)
Jil den Nachträgen zu der Baugeschichte
der Kirche des hl. Viktor wird Seite 152
weiter bemerkt: Zu Ronl wurde zur Zeit
Diokletians int Tellustempel, später am
Friedenstempel, Gericht gehalten. Die

Trierer Abtei St. Marimin hatte ein
aus einem Amtinann, sieben Schöffen mtb
einem Gerichtsschreiber bestehendes Gericht,
das Gericht zur roten Türe genannt
wurde. (Andere Beispiele bei Otte,
Kunst-Archäologie, 5. Ausl. I. S. 83,
85 und 113.) Wirstellen also das Vor-
handensein der porte rubra fest und er-
heben die Frage: Gibt es nicht auch in
unserem Lande Kirchen, bei denen Gericht
gehalten wurde und bei denen man früher
wenigstens eine rote Türe kannte?

Wir kennen mehrere Tore, welche
nach Heiligen benannt sind, so das Fidelis-
und Christophstor zu Ueberlingen, das
Tor des hl. Georg, des hl. Wendelin,
des hl. Franziskus und des hl. Johannes
zu Villingen, in welch letzterer Stadt,
wie es scheint, die Nähe der betreffenden
Kirchen beit Namen geschöpft hat. Eber-
hard int Barte soll in Stuttgart zwölf
Tore gebaut und ihnen die Namen der
zwölf Apostel gegeben haben. — Aber
wichtiger als diese Benennungen an
Profanbauten sind uns die an kirchlichen
Gebäuden, so namentlich die porta Petri
und die porta oder janua Pauli.

In den alten Apsismosaiken mancher
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