Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 51
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In der frühesten Zeit hatten die Kirchen
meistens drei Tore, von welchen das mittlere
für die Priester, das südliche für die Männer,
nnd das nördliche für die Frauen be-
stimmt war. Die Dreiteilung beruhte
also auf praktischen Gründen; daß dieselbe
auch an die hl. Dreifaltigkeit erinnern
und den Glauben an sie anssprechen sollte,
betrachten wir als ausgemacht. — An
den großen Domen des Mittelalters wur-
den öfters fünf (fünf Hallen zu Vethesda,
fünf Pforten zu St. Peter in Rom; fünf
Pforten auch an der neuen Mariä Empfäng-
niskirche zu Linz) oder sieben Eingänge an-
gebracht. Die Siebenzahl (sieben Tore
Thebens in Vöotien) weist hin auf die
sieben hl. Sakramente, welche den Ein-
gang in das Reich Gottes bilden, das
symbolisch im Kirchengebände dargestellt
ist. Die Verteilung ist bei der Sieben-
zahl in der Weise vollzogen, daß auf der
Westseite drei, auf der Langseite je zwei
Pforten erscheinen; auch der Fall kommt
vor, daß man auf der Westseite ein Por-
tal, auf den Langseiten dagegen je drei
Portale erblickt, z. B. beim Münster in
Freiburg, auch bei der alten Basilika in
Speyer soll es so gewesen sein. In beiden
Fällen ist es aber schwer, eine Regel zu
finden, nach welcher je die einzelnen Pfor-
ten benannt worden umren. Wir kennen
das Schema:

Hanptfassade von Norden nach Süden:
Taufpforte (Vater), Sakramentspforte
(Sohn), Firmnngspforte (hl. Geist); Nord-
seite von Westen nach Osten: Letzte Oelnng,
Priesterweihe; Südseite von Westen nach
Osten : Buße nnd Ehe. Nach einem anderen
Schema würde sich die Benennung fol-
gendermaßen gestalten: Westen: Sakra-
mentstüre ; Nordseite von Westen
nach Osten: Firmung, Priesterweihe,

Oelnng; Südseite von Westen nach Osten :
Taufe, Buße, Ehe. Bei beiden Schematen
erscheint die Ehetüre ans der Südseite
des Langhauses zunächst am Chor oder
Qnerschiff. Damit würde gut über-
einstimmen die Tatsache, daß die ent-
sprechenden Türen am lllmer Münster
nnd an der Marienkirche in Reutlingen
Branttüren genannt werden, während frei-
lich bei der Stiftskirche in Herrenberg,
bei der Heiligkreuzkirche in Gmünd nnd
der Sebalduskirche in Nürnberg die

Branttüre sich ans der Nord feite befinden
soll. Weiter ist hervorznheben, daß die
Bezeichnung Braut- oder Ehetüre noch
eine andere Deutung zuläßt, nämlich die,
daß sie einen Hinweis enthalten soll ans
die daselbst angebrachten typologischen Fi-
guren des Alten und Neuen Ehebundes,
welchen der Herr mit seinem Volke ge-
schlossen. Zn vergleichen die Symbolik
des Kirchengebäudes von Sauer, Seite
364/65 — Vrautzeugen.

Der Name Ehetüre begegnet uns noch
bei dem Münster zu Ueberlingen und dem
zu Villingen; Ehekapelle hieß ehedem die
jetzige Dreifaltigkeitskapelle bei Daugendorf
OA. Riedlingen.

Von dem wirklichen Kirchengebände zu-
letzt noch zu einer Darstellung der Kirche
im Bilde, welche mir im Hortus delicia-
rum der Herrad von Landsperg finden.
Die Kirche erscheint daselbst als thronende
Königin, neben und unter ihr die Reprä-
sentanten der verschiedenen Stände. In
den vier Medaillons die großen Prophe-
ten mit den Symbolen der Evangelisten.
Auf dem Dache streiten Engel und böse
Geister gegen einander. In den offenen
Türen der Türme stehen rechts von der
Kirche Jsaias nnd links David. — Im
Hinblick ans diese Darstellung könnte man
wohl auch von einer Pforte des Prophe-
ten Jsaias und von einer Pforte des
Königs David reden. Bei Jsaias sind die
Worte angeschrieben. . . lavamini nuindi
estote — Js. 1. 16, und bei David . ..
introite portas ejus in confessione —
Psalm 99,4. Wer in das Haus der
Kirche eintreten nnd an ihren Gnaden
teilnehmen will, muß erst das Bad der
Wiedergeburt empfangen (Nordseite); ist
er auf diese Weise gewaschen nnd rein
geworden, dann mag er in Fröhlichkeit
durch der Kirche Tore schreite».

Und nun das Ergebnis unserer Aus-
führungen über die verschiedenen Pforten?

Wir sind an manchen Toren vorüber-
gegangen, ohne sie zu betrachten (Stadt-
tore — z. B. in Nom), andere, die wir
betrachtet haben, konnten wir nicht öffnen,
weil uns der rechte Schlüssel fehlte, allein
wir glauben doch, einige Pforten anfge-
schlossen und dadurch einen tieferen Ein-
blick in die Symbolik eröffnet zu haben.
Nimmt man noch hinzu, daß die Apostel
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