Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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zumal Pforten genannt werden (Com-
nmne Apostolorum II Nocturn; „Dili-
git Dominus portas Sion super otnnia
tabernacula Jacob" — Psalm 86, 2),
und daß Christus selbst als der Eingang
in das Reich Gottes angesehen werden.
will, so mag bei den Fragen nach der
Bedeutung und Benennung der Tore eine
Fülle von Gedanken und Ideen aufblitzen.
— Bezüglich der seligsten Jungfrau Maria
noch einige besondere Sätze! Maria kann
als porta, als porta felix, porta vitae
(Anklang an Herrenalb), porta coeli,
porta orientalis, porta Ezechielis, porta
speciosa, sacra, sancta, regia, argentea,
aurea (soll öfters auf Maria zu beziehen
sein), porta gratiae und porta Adami
bezeichnet werden, ja man kann mit dich-
terischer Freiheit alle oben aufgeführten
Namen auf sie anwenden. Tatsache ist,
daß das turmfreudige Mittelalter in
nlanchen Toren und Türmen ein Bild
der geblümeten Maid und zarten Gottes-
mutter, der hohen und mächtigen Königin
und Kaiserin erblickt hat. Uns will z. V.
auch der Umstand bedeutungsvoll Vorkom-
men, daß ans den Darstellungen der Ge-
burt Christi dann und wann das Tor-
motiv erscheint. So erinnern wir uns
au ein Gemälde von Grünewald auf dem
Jsenheimer Altar in Colmar, wo Maria
mit ihrem Kinde vor einer spätgotischen
Pforte sitzt, durch welche sich im Gefnnkel
goldenen Lichtes eine heitere und amnntige
Schar umsizierender Engelchen drängt,
um dem göttlichen Kinde ihre innigste Ver-
ehrung vor die Füße zu legen. — Wenn
es sich erwahren würde, daß Maria porta
nigra genannt worden ist (Katholik, Sep-
tember 1876), so ließe sich auch mit dieser
Benennmig ein guter Sinn verbinden.
Maria ist eine Pforte, sie ist aber auch
schwarz und schön (Antiphon) und könnte
ans diese Weise den Namen porta nigra
bekommen haben. Möglich ist aber auch,
das; derjenige, welcher Maria diesen Na-
men geschöpft, an irgend ein schwarzes,
oder stark befestigtes Tor (porta nigra
zu Trier) gedacht und im Bestrebe», Maria
mit einem neuen Titel zu ehren, sie als
porta nigra gepriesen hat, welche ähnliche
Gedanken nahelegen sollte wie der „Turin
Davids". Wir schließen mit „der Notiz,
daß die Unbefleckte Empfängnis Ma-

riä, die Morgenröte der Menschwerdung
und der Anfang des eigentlichen Erlö-
snngswerkes (Alpha), v. Beissel (dieVer-
ehrung Unserer Lieben Frau) als die
goldene Pforte zwischen beut Alten und
Neuen Bunde bezeichnet wird.

Das Rationale in der abendländischen
Kirche.

Von Beda K l e i n s ch m i b t O. F. M. in
Amaseno (Italien).

(Fortsetzung.)

Die Siegel der Bischöfe von Minden be-
stätigen unsere bisherigen Angaben; sie bringen
wiederholt in verschiedener Form das Nationale
zur Anschauung. Zuerst erscheint es in seiner
gewöhnlichen Gestalt, nämlich als Schulterband
mit kurzem Behang auf der Brust und (auf den
Schultern?) bei Bischof Siegeward voin Jahre
1124. Wenngleich das Siegel sehr gelitten, so
ist das Nationale doch noch sichtbar. Ferner sieht
man es wohl ans den Siegeln bei den Bischöfen
Johann (1249), Widekind I. (1257), Otto I.
(1268)'). Außerdeni erscheint es auch auf einigen
altern Monumenten, ans welche ich anderswo
zurückzukommen gedenke, es sind zwei Darstell-
ungen des Bischofs Siegebert, der von 1022 bis
10.86 die Mindener Kirche regierte. (Vergl. „Zeit-
schrift f. westfäl. Geschichte u. Altertumskunde",
LXI, 1 ff.)

4. Um dieselbe Zeit wie bei Siegeward von
Minden finden wir es in der Kirche von Paderborn.
Bischof Bernhard I. begleitete 1163 Kaiser-Lothar ll.
aus der Reise nach Rom und erhielt bei dieser
Gelegenheit das Privileg des Nationale für sich
und seine Nachfolger. Nach der päpstlichen Bulle
durfte es nur getragen werden an folgenden
Tagen: Gründonnerstag, Ostern, Himmelfahrt,
Pfingsten, Weihnachten, Epiphanie, ferner an allen
Festen der Muttcrgottes, am Feste des Johannes
Bapt., Peter und Paul, Allerheiligen, Biborins,
bei der Konsekration der Kirchen und der Ordi-
nation der Kleriker und Kirchweih?)

Die Form hat es hier, wie auch anderswo,
häufig geändert. Obwohl es stets in Gebrauch
blieb, haben sich doch verhältnismäßig wenig Ab-
bildungen erhalten. Am besten geben uns die
Siegel Aufschluß. Auf diesen erscheint es in vier
verschiedenen Formen. Zu», erstenmal tritt es
uns entgegen auf dem Siegel des Bischofs
Evergis v. I. 1176; es hat fast die Gestalt deS
Palliums (V). Der vordere Behang reicht bis
über den Saum der Kasel hinab; anscheinend ist
es mit Perlen oder Stickerei reich verziert?) Als

') Abb. Westfälisches Siegelbuch Tas. 64 s.

13 ->.

2) Wortlaut der Bulle bei 8 cd a tten, Annal.
Paderborn, ad an. 1133 (ed. 1693) p. 732.
Vergl. außerdem Finke, Westfälisches Nrkundcn-
buch, Nr. 42. Pfluck-Hartung bezeichnet sie als
Mittelbulle, Histor.-Jahrb. V, 646.

3) In Palliumform tragen das Rationale viel-
leicht auch die zwei Bischofsstatuen am Südportale
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