Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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Schulterband mit kürzerem Pendant erscheint es
sehr deutlich bei Bischof Wilbrand v. I. 1227.
Es ist mit vier kreisrunden, wahrscheinlich me-
tallischen Verzierungen geschmückt, von denen eine
an der Verbindungsstelle des Schnlterbandes und
des Behanges, eine am Ende des Behanges und
zwei ans bcn Achseln sich befinden. Wie bei dem
Pallium in dieser Zeit, so liegt auch hier das
Schnltcrband nicht auf den Schulter», sondern
ans dem Oberarm. Endlich sehen wir cs noch
ans deni Siegel des Bischofs Bernhard IV.
v. I. 1230?)

Der Uebcrgang in die Form des Schulter-
kragens dürfte sich gegen Ende des Mittelalters
vollzogen haben.

Die Bischöfe von Paderborn haben auf ihr
uraltes Privileg niemals verzichtet.") Bischof
Ferdinand von Fürstenberg lies; es sich 1666
durch Papst Alexander vil. bestätigen?) Der
Papst fügte noch folgende Tage hinzu, an denen
das Nationale gebraucht werden durfte: Fron-
leichnam, Circumcisio Christi, Krenzerfindnng und
Krenzerhöhung.

In Norddeutschland sehen wir es ferner in
der Form des Palliums ans einigen bischöflichen
Siegeln anderer Diözese», nämlich bei Otto t.
(t 1213) und Ludolf (| 1227) von Münster,
vielleicht auch bei Bischof Wilhelm (f 1259), so-
dann bei Bischof Engelbert I. von Osnabrück
(-j- 1225); solange indes nicht literarische Zcng-
nisse hinzukommen, bleibt mir der Gebrauch des
Nationale in den Diözesen Münster *) und Osna-
brück zweifelhaft; denn das Nationale in Form
des Palliums scheint doch nur ganz vereinzelt
vorgekommen zu sein und wenn nicht vorher oder
nachher andere Formen hinzutreten, dann dürften
solche Siegel, wie die genannten, allein wohl
nicht ausreichen, um die Existenz des Nationale
in einer Diözese zu beweisen. 1'. Braun erklärt
dieses Auftreten des Palliums wohl nicht mit lln-
recht durch die Anfertigung mancher Siegel durch
auswärtige Meister oder »ach auswärtigen Vor-
lagen?) — Rohault de Fleury glaubt es außer-
dem auf einer Grabplatte des Papstes Bodo
11409—1413) von Barsinghausen und auf einem
Siegel des Bischofs Bernhard von Hildesheim
zu sehen;") wohl mit Unrecht. Was speziell die
Grabplatte Bodos anbetrifft, so wurde sie an-

des Domes. Abbildung Ludorff, Kreis Pader-
born. Taf. 33.

') Abbild, der Siegel in: Die westfälischen
Siegel des Mittelalters (Münster 1885).

2) Der Mangel an Abbildungen wie auch die
Erneuerung des Privilegs lassen vermute», daß
die Bischöfe zeitweise das Nationale beiseite ge-
legt haben.

") Schatten, l. c. p. 734.

4) Für de» Gebrauch in Münster spricht aller-
dings sehr ein Siegel in; Lndgeristift (Münster)
v. I. 1279. Siegel. Taf. 107 *. Zn vergleichen
roni'e auch eine Grabplatte des Bischofs Her-
mann (1203) in Marienfeld. Abbild. Nord h o f f,
Kunst- und Geschichtsdenkmäler des Kreises Warcn-
dorf (1883) S. 144.

*) Zeitschrift für christliche Kunst, n. a. O.
S. 112"*.

6) Rohault de Fleury, La Messe, VIII, 70.

scheinend »ach einer 200 Jahre älteren Vorlage
angefertigt, in dem Ornamente der Kasel verniag
ich indes das Rationale nicht mit Sicherheit fcst-
znstellen, eS ist nur eine im >2. und l:;. Jahr-
hundert so häufig vorkommende Verzierung des
Meßgewandes?)

Unzweifelhaft tritt es uns aber zu wieder-
holtenmalen auf den Denkmälern der Erzdiözese
Köln entgegen. In sehr charakteristischer Form
tritt es zunächst entgegen ans dem Heribertschrein
in Deutz, dem Meisterwerk der Einailkunst, das
die neueste Forschung dem Godefroid aus Huy
zugeschrieben hat und das in der ziveiten Hälfte
deS 12. Jahrhunderts wohl in Köln selbst oder
in Deutz entstanden ist. Ans den, Satteldnche
des Schreines ist das Leben des heiligen Erz-
bischofs in zwölf Medaillons veranschaulicht. Das
sechste Medaillon zeigt das Examen, dem sich
Heribert vor der Bischofsweihe unterziehen mußte.
Einer der examinierenden Bischöfe trägt ein
schönes Nationale; es hat die Form eines breiten
Schulterbandes mit drei rechteckigen Behängen?)
Ferner trägt es ein Bischof ans einem Wand-
gemälde der Krypta von Maria im Kapitol z>t
Köln, aus derselben Zeit. Die Form ist un-
bedeutend verändert. Die Pendants ans den
Schultern sind etwas länger und schmaler ge-
worden.") Ungefähr gleichzeitig tritt es uns auf
den Wandgemälden der romanischen Kirche zu
Schwarz-Rheindorf entgegen?) — Interessant ist
auch eine Leinenstickerci ans der Zeit um 1200,
welche unsere Jnsignie zur Anschauung bringt,
nmsoniehr, da sie das stoffliche und metallische
Rationale vereint darstellt. Es ist eine Arbeit
aus dem Kloster Altenberg an der Lahn, jetzt
im Besitz des Fürsten von Solms-Braunfels.
Das (3,81 X 1 »5*1 Meter große) Tuch ist mit
ornamentalen und figürlichen Darstellungen ganz
bedeckt. Das Zentrum wird von der Kreuzigung
Christi eingenommen, umgeben von den Evnnge-
listen-Symbolen; auf der rechten und linken Seite
sieht man sechs Heilige, darunter die Bischöfe
Erasmus, Augustinus, Nikolaus, sie tragen auf
der Kasel „das Nationale in Gestalt eines über
die Schultern gelegten breiten Bandes mit vier-
eckigen! Brustschild"?)

Wenden wir uns von Norddeutschland dem
Süden zu, so finden >vir den Gebrauch des Ratio-

') Abb. Mitoff, Kunstdenkmäler und Alter-
tümer aus Hannover 1 (1871), Taf. VI. S. 9.
— Eine Art Schnlterbnnd der Kasel zeigt z. B.
anch die schöne Grabplatte des Bischofs Otto von
Hildesheim (-st 1279). Abbild. Bertram, Die
Bischöfe von Hildesheim (1896) S. 76. Verfasser
erklärt die Verzierung mit Recht als eine „breite
ui» Brust und Schulter laufende Kasel, an
welcher Zierat von Steinen und Plättchen nn-
gedcntet sind".

") Abbild. Ausm Weerth, Kunstdenkmäler.
Taf. 43.

“) Färb. Aufnahme in dem Kunstdenkmäler-
Archiv der Rheinprovinz Nr. 552.

J) Abbild. A usm Weerth, Wandmalereien.
Taf. 25.

*) Vergl. Aldenkirchen in: Bonner Jahr-
bücher 79 (1885) S. 256. Taf. VI.
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