Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 57
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Hercnisgegeben und redigiert von Pfarrer Dchcl in St. Llpistiiia-Raveiisburg.

Verlag des Rottenlnirger DiSzesan-Knnstvereins;

Koinnlifsionsverlaa von Friedrich Silber in Ravensburg.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die wilrttembergischeu, M. 2.20
^ dnrch die bayerischen und die Neichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in

^ der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen TQO/1
[♦L« / ♦ sowie gegen Einsendung de4 Betrags direkt von der Verlagsbuchhandlung Friedrich Alber in s *T*
Ravensburg (Wlirtteinberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Ueber die Fortschritte in der Ku»ft-
geschichte des I 5. Jahrhunderts.

Von Pfarrer a. D. vr. I. Probst in Biberach.

Mit der glücklichen Entdeckung des
Sterzinger Altarwerks (von Hans Mnlt-
scher in Ulm) dnrch Fischnaler begann
eine ungemein lebhafte Bewegung in der
Erforschung derKnnstgeschichte des lö.Jahr-
hnnderts. Zuvor schien Lukas Moser von
Wyl mit seinem Altarwerk in Tiefenbronn
143k der einzige Vertreter der Tafel-
malerei in ganz Südwestdeutschland zu
sein, der in der ersten Hälfte des Jahr-
hunderts lebte. Zn ihm gesellte sich aber
nicht bloß Hans Mnltscher, sondern
auch Kournd Witz, gebürtig von Rott-
weil, mit den Altarwerken in. Basel und
Genf (ch 1446), und der Meister des
Dombildes, Stephan L o ch n e r ans Meers-
burg ich 1451) nebst Hans (und Ivo)
Striegel von Memmingen (c. 1438).

Dieses dargebotenen Materials und
Personals bemächtigten sich nun die Kunst-
historiker mit gebührendem Eifer. F. von
Neber in München widmete nicht bloß
beiu Tiefenbronner Altar die erste ein-
läßliche wissenschastlicheBearbeitnngs l 894),
sondern auch dem Sterzinger Altarwerk
(1898), dem bald darauf Friedländer
in Berlin mit seiner Arbeit über die jetzt
in Berlin befindlichen Werke desselben
Meisters folgte (1991). Fast gleichzeitig
erschien die grundlegende Arbeit von
Burkhart über Konrad Witz (1901),
der sich die Abhandlungen von Dehio
(1902) und besonders von Schmarsow
(1903) mit Berücksichtigung der ganzen
Reihe von Meistern, namentlich in der

ersten Hälfte de-s 15. Jahrhunderts sich
anschlossen. Allseitig wird von ihnen ein
lebhaftes Bestreben nach Natnrstudinm kon-
statiert, sowohl in Behandlung der Licht-
nnd Schattenwirkung und Perspektive, als
auch der naturgemäßen Wiedergabe der
Landschaft und der menschlichen Figur,
ein Bestreben, das i» so früher Zeit ganz
unerwartet ist.

Begreiflich tauchen aber auch verschiedene
Fragen ans, deren Beantwortung noch
nicht gelungen ist und zu weiteren Fragen
auzuregen geeignet sind. Wo liegt der
Ursprung und Anstoß zu dieser Bewegung?
Liegt derselbe in der Nähe oder in der
Ferne? Besteht nur ein einheitlicher
Ausgangspunkt oder mehrere? Schmar-
sow drückt seine Vorstellungen in der Weise
aus, daß in der Zeit der großen Kirchen-
versammlnngeu in Konstanz und Basel
das geistige Leben sich in einer großen
Ellipse bewegt habe, deren zwei Mittel-
punkte die genannten Städte waren, die
aber über die Niederlande, Burgund,
Deutschland und Italien sich ausgebreitet
habe. Wenn man Zeit und Raum be-
trachtet, in dem sich diese Bewegungen
vorzüglich geltend machten, so wird man
nicht umhin können, dieser Auffassung
ernste Aufmerksamkeit znzuwenden. Nur
liegt die Schwierigkeit vor, den Anteil
und die Prioritätsverhältnisse der ver-
schiedenen Völkerstämme und ihrer Ver-
treter zu entwirren und zu sichern und
die weiter rückwärts liegenden Anknüpf-
ungspunkte festzustellen. Hier tritt nun
aber bei dem gegenwärtigen Stand der
Untersuchung gerade jene Gegend, in wel-
cher nachweislich die Wiege der Meister
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