Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 59
DOI Heft: 10.11588/diglit.15937.34
DOI Artikel: 10.11588/diglit.15937.35
DOI Seite: 10.11588/diglit.15937#0080
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1904/0080
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
59

Frage auf nach dem bleibenden Gewinn,
nach der reifen Frucht, die ans dieser
imnierhiu merkwürdigen Bewegung her-
vorging.

Der Verlauf der Kunstgeschichte lehrt
nnwidersprechlich, daß ungefähr mit der
Mitte des 15. Jahrhunderts eine sehr
fruchtbare Periode der bildenden Kunst
beginnt, die man wohl kurzweg die Pe-
riode der Flug ela ltä re nennen tonnte,
durch welche die ganze zweite Hälfte dieses
Jahrhunderts beherrscht wird.

In einem früheren Artikel des „Archivs
für christliche Knust" (1903, S. 89) hat
der Verfasser nachznweisen gesucht, daß
für unsere Gegend und wohl auch für
einen noch weiteren Umkreis der Jmvnls
hiezn von der Mnltscherschen Werkstätte
in Uhu ansgegangen sei. Dieser Meister
hatte die glückliche Idee aufgefaßt und
mit Energie durchgeführt, daß der rich-
tige Platz für die da und dort schon
vorkommenden Flügelaltäre nicht der
enge Raum der Kapellen sei, sondern der
Chor der Kirche, woselbst in engem
Anschlüsse an das ganze Kirchenjahr die
Gesamtheit der Geheimnisse des Er-
lös»» gs wertes durch die Wandlungen
der Flügel in Bilderschrift der ganzen
Gemeinde vor Angen gestellt werden sollte.
Mnltscher hat damit offenbar den richtigen
Punkt getroffen, um die breiten Volks-
schichten und besonders den aufstrebenden
Bürgerstand der Städte für die Flügel-
altäre zn begeistern. Man kann ohne
Bedenken zugeben, daß dabei auch viel
handwerksmäßige Arbeit geliefert ivnrde,
darf aber auch nicht vergessen, daß Männer
wie Syrlin, Pacher, Zeitblom, Holbein rc.
von dieser Strömung getragen wurden.
Aber man kann doch nicht sagen, daß
diese ungemein fruchtbare Periode die
konsequente Fortbildung jener Bewegung
gewesen wäre, welche schon in der ersten
Hälfte des 15. Jahrhunderts in so über-
raschender Weise eingesetzt hatte. Einiges
wurde wohl beibehalten, anderes aber
wurde fallen gelassen; im ganzen machte
sich wieder eine m e h r r ü ck l ä n f i g e B e-
wegnng geltend. Das konnte auch nicht
anders sein. Der Grund dafür liegt ge-
rade in der warmen und opferwilligen
Teilnahme der breiten bürgerlichen Volks-
schichten ander künstlerischen Ausschmückung

der Kirchen. Sie verlangten nicht eine
technische Bravour, sie hatten kaum ein
Auge dafür; dagegen mögen gerade sie
sich gestoßen haben an der recht stiefmüt-
terlichen Behandlung der durch die Tra-
dition und Religion geheiligten Gegen-
stände und Personen, wie sie besonders
bei Konrad Witz unbestreitbar vorkommt.
Erst später, unter wesentlich veränderten
Zeilnmständen, erwachten namentlich in
den Niederlanden die technisch künstleri-
schen Grnndanschannngen zn neuem Leben
ilnd gelangten dort zn reicher, sorgfältiger
Ausbildung.

Es wäre nun recht erfreulich, auch diese
Nückströmnng genauer verfolgen zn können;
aber vorerst ist man ans Verniutungeu
beschränkt.

Schmarsow weist ans die Stilwandlnng
hin (S. 54, 55), die in der Mnltscherschen
Werkstätte in Ulm offenbar stattgefnnden
hat und möchte dieselbe so erklären, daß
eine jüngere, vielleicht der Familie selbst
angehörige künstlerische Kraft daselbst ein-
getreten sei. Burkhart spricht sich be-
stimmter ans (S. 308) und weist speziell
ans das Gemälde in der Donaueschinger
Sammlung von 1445 hin, wofür er auch
die provisorische Benennung „Basler Mei-
ster von 1445" vorschlägt. Außer dem
genannten Donaueschinger Gemälde ist er
geneigt, demselben Meister auch die beiden
Flügelgemälde von Sierenz im Elsaß znzn-
schreiben. Das sind beachtenswerte Spuren,
weiterer Nachforschung wert.

Ein Widerspruch zwischen den Ansichten
dieser beiden Kunsthistoriker besteht nicht;
es wäre sogar leicht möglich, daß auch
noch ein weiterer Meister, der in neuester
Zeit unter der provisorischen Benennung:
„Meister der Sammlung ans Schloß Lich-
tenstein von 1450" eingeführt wurde (von
Bayersdorfer?), als dritter sich denselben
anschließen dürfte. Aber auf historisch besser
gesichertem Boden ivird man sich doch be-
wegen, wenn man sich ans die Tätigkeit
der Künstlerfamilie Striegel in Mem-
mingen beruft. Nach einer Veröffent-
lichung im „Allgäuer Geschichtsfrennd"
(1892, S. 49) befindet sich in Zell im
bayerischen Allgäu in einer Kapelle ein
kleiner Altar mit der Inschrift: Hans
Striegel von Memmingen 1442, und in
Berghofen, ebenfalls im bayerischen
loading ...