Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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bestätigen, was Konrad von Würzbnrg
singt:

Es läßt zu Wolkenbildern

Das Meer sich leichter kehren,

Als daß inan Deine Ehren

Bis auf den Grund erlerne.

Vernard Areas 8. J.

In unserem Besitz befindet sich eine
Kopie von einem St. Annabild, welches
wohl von einem Düsseldorfer Künstler
gemalt worden ist. Dasselbe erinnert in
etwas an die sogenannte Erziehung Ma-
rias durch die hl. Anna von Murillo,
cs null aber offenbar noch eine andere
Idee zum Ausdruck bringen. Anna sitzt
da als ehrwürdige Matrone; vor ihr kniet
das holdselige Mägdlein in weißem, blau-
umsänmtem Gewände, auf dem Haupte
ein zierliches Blumenkränzsein, die Angen
»»verwandt auf die Mutter heftend, auf
deren Schoß ein Buch ruht. Eben ist
der 118. Psalm anfgeschlagen, und wir
lesen darin die Worte: »Beati immacu-
lati in via, qui ambulant in lege Do-
mini« — Glückselig die Unbefleckten auf
dem Wege, die in> Gesetze des Herrn
wandeln. Dieser Vers, welcher den An-
fang des Psalmes bildet, wurde von
der Kirche in ihre Liturgie am Feste des
unbefleckten Herzens Mariä aufgenommen
und soll ohne Zweifel auf die selige
Makellosigkeit der hl. Jungfrau Hin-
weisen. Ine gleichen Sinne wird das
Psalmwort auch bei dem St. Auuabilde
zu deuten sein und wir hätten hiernach
eine Darstellung, welche an Darstellungen
ans den früheren Zeiten anknüpft, uw
die Verehrung der hl. Anna zugleich auch
die Verehrung der Immaculata in sich
schloß und deswegen zu so außerordent-
licher Blüte kam. Nennen wir nur de»
von I. Trithemius empfohlenen St. Auna-
rosenkranz, bei welchem nach dem Namen
Jesus die Worte eingeschaltet werden soll-
ten : »et ber.edicla liit lionestissima

mater tua sancta Anna, ex qua sine
macula caro tua processit virginea«.

Bei einem Konfrater sahen wir jüngst
ein eigenartiges, von einem gewissen Herrn
Hax entworfenes und von Papst Leo XI II.
gutgeheißenes Bild, das die Wirksamkeit
des hl. Geistes ansdrückeu will. Auf dem
Bilde nimmt Maria eine bevorzugte Stelle
ein: sie steht vor uns als ein mehr

himmlisches denn irdisches Wesen, durch-
flutet und durchleuchtet von dem Lichte
des göttlichen hl. Geistes. Das ist die
Immaculata, möchte man alsbald sagen,
das ist die mit den auserlesensten Morgeu-
gaben ausgestattete Braut des hl. Geistes.
Sehen wir indessen näher zu und lesen
wir namentlich noch die Umschrift um
das Haupt, dann werden wir geivahr,
daß in unserem Bilde Maria als Sitz
der Weisheit aufzufasseu ist. Doch dürfte
diese Auffassung die erstere nicht ganz ver-
drängen, da ja die Idee des Komponisten
mit der Idee der unbefleckten Empfängnis
im engsten Zusammenhänge steht. „Der-
gleichen Werk war nicht gemacht in allen
Landen." „Sente Maria daz erwelte
Goteshns des heilige Geistes" (Hand-
schrift des 12. Jahrhunderts ans dem
Benediktinerkloster Engelberg in der
C chweiz).

Im Freiburger „Diözesan-Archiv" vom
Jahre 1902 ist auf Seite 217 die Rede
von einem Altarblatt aus der Stadt
Billingen, welches schon seltsame Wander-
ungen gemacht hat: es soll von der
Minoritenkirche auf einen Speicher, von
diesem in das Münster, und von da in
die Benediktinerkirche gekommen sein.
Das Altarblatt zeigt die Immaculata und
zwar in der Weise, daß sie in der einen
Hand einen Lilienstengel trägt, in der
anderen einen ovalen Spiegel, durch den
das Licht der Sonne dringt.

„Die Weisheit ist der Glanz des einigen
Lichtes und der makellose Spiegel der
Herrlichkeit Gottes und das Bild seiner
Güte." (Weisheit 7, 26.) Wie auf
Ehristns, die ewige Sonne, bezieht der
hl. Geist diese Worte auch ans Maria,
den Sitz der Weisheit, die allerweiseste
Jungfrau, ivelche unter allen Geschöpfen
den Glanz der göttlichen Weisheit und
Heiligkeit am reinsten wiederstrahlt; des-
halb das Attribut des Spiegels öfters
bei Maria überhaupt, und bei der Imma-
culata im besonderen. Auffallend ist bei
denl Villinger Gemälde nur, daß Maria
selbst den Spiegel trägt, während er sonstvou
Engeln getragen wird, oder als Beigabe
mehr in die Ferne gerückt, nebensächlich
behandelt ist.

„Maria Immaculata das große Gnadeu-
zeichen am Himmel des 19. Jahrhunderts"
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