Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 62
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betitelt sich ein im Jahre 1903 bei Ranch
in Innsbruck erschienenes Buch von
?. Philibert Seebäck. Dort finden wir
eine Komposition (von Franz Müller?),
ivelche den gewöhnlichen Typus der Un-
befleckten, aber auch ganz charakteristische
Einzelheiten aufweist. Wir denken dabei
nicht so fest an den Drachen, auf welchen
Maria tritt, als vielmehr an den Gegen-
satz von Gewölk und Licht. Da stehen
im Grunde schwarz geballte Wolken, welche
eine grauenhafte Finsternis ahnen lassen;
aber durch die dunkeln Wolken bricht
sich eine hinimlisch schöne, goldighelle
Lichtgestalt hindurch, welche die Höhen
im sonnigsten Lichte erscheinen läßt, es
ist die makellose Jungfrau Maria. Mit
diesem Bilde wollte der Künstler das
l 9. Jahrhundert zeichnen und den Gedanken
aussprecheu: Die Menschen teilen sich in
zwei Heerlager: ans der einen Seite die
Mächte der Finsternis, der Abfall von
Gott und Seinem Gesetz. Sie haben es
weit gebracht: dicke Wolken, schwarz wie
die Nacht, steigen auf in allen Ländern.
Aber eine himmlisch schöne Lichtgestalt
durchbricht die Wolken des llnglanbens,
siegreich gegen alle Feinde Gottes und
der hl. Kirche —-, es ist die Immaculata.
Sie steigt ans wie eine Morgenröte am
Anfänge des 19. Jahrhunderts, verbreitet
immer wehr Strahlen des Lichtes bis
zur Mittags-Sonnenhöhe und leuchtet
fort bis znm Ende des Jahrhunderts,
schön wie der Mond, auserwählt wie die
Sonne. „Süß ist das Licht uub lieblich
den Augen, die Sonne zu schauen."

Die heurige Mainnmnier des Send-
boten vom göttlichen Herzen Jesu bietet
uns in ihrem Titelbild eine hübsche
Jnbiläuwsgabe, es ist dies ein Bild
der Pnrissima, der Jinmerreineu, nach
einem Gemälde von L. Kupelwieser.
Maria ist gedacht als das große Zeichen,
welches um Himmel erscheint und unten
von dem betagten Johannes geschaut
und von einem, ein Spruchband haltenden
Engel angestaunt wird. Aber während
sonst bei diesem Vorwurf Maria mit
dem Kinde dargestellt wird (Rückseite eines
Tafelgemäldes in der Pfarrkirche zu Günd-
ringeu), erblicken wir auf dem genannten
Titelbilde Maria als die seligste Jung-
frau, mit gefalteten Händen und gesenktem

Blick, mit strahlendem Gewände und
flatterndem Mantel, zu ihren Füßen die
Mondsichel mit dem Drachen. Das ganze
Bild hat ein Höhenformat, betont also
die Senkrechte, wozu der spitzbogige obere
Abschluß gut zu passen scheint.

Mehr epischen Charakter haben die
Gemälde von Podestie im Saal ckella
Concezione tut Vatikan. Auf der einen
Seiteuwand links groß gemalt die Be-
ratung über den Lehrsatz von der unbe-
fleckten Empfängnis; gegenüber auf der
anderen Seite jener erhabene Moment,
wie Pins IX. am 8. Dezember 1854 im
St. Petersdom nach der Verkündigung
des Dogmas der Marienstatue in der
Chorkapelle eine goldene, von Edelsteinen
besäte Krone auf das Haupt setzt; auf
der drittelt Seite, wo sich die Fenster
befinden, und an der Decke sind die
Vorbilder der allerseligsteu Jungfrau
Maria angebracht; die vierte Hanptwand
der Halle aber trägt das Niesenbild der
Verkündigung des Glaubenssatzes dttrch
den heiligen Vater in der Peterskirche.
Unter dem Thronhimmel und vor dem
Throne steht Pins in den päpstlichen
Gewändern und verkündigt mit verklärtem
Antlitz das Dogma von der unbefleckten
Empfängnis, rechts und links ans den
Stufen die Kardinale, Bischöfe, der Hof-
staat, die Vertreter des römischen Volkes
und endlich rechts ganz im Vordergrund
die hauptsächlichsten Gelehrten, welche sich
nur die wissenschaftliche Begründung und
Erklärung des Dogmas besonders verdient
gemacht haben, darunter auch Passaglia,
welcher später apostasierte, aber vor seinem
aut 8. März 1887 in Turin erfolgten
Tode sich wieder mit der Kirche aussöhnte.
(Muttergotteserzählungen von K. Kümmel
1901 S. 29 ff.)

Schließlich wollen wir uns noch mit
einem Bilde beschäftigen, welches im
Glückradkalender vom Jahre 1901 z,t
sehen ist, und welches unsere Aufmerk-
samkeit in mehrfacher Hinsicht in Anspruch
nehmen kann.

Die sonnenhafte Jungfrau auf der
Erdkugel, und rings im Rahmen zehn
Bilder aus der heiligen Schrift des
A. Bundes, welche als Vorbilder der
unbefleckten Empfängnis bezeichnet werden:
Moses und der brennende Dornbusch,
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