Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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glauben?) bezeugt die konstante Tradition der
Lütticher Kirche, beweisen die Monumente. Noch
heute bewahrt der Donischatz eine Büste des
hl. Lambert aus dein Anfänge des 16. Jahr-
hunderts, die mit unserer Jnsignie bekleidet ist.
Sie besteht hier ans einem Schulterkragen mit
drei kurzen, breiten Ansätzen. Auf den Achseln
ist sie mit runden Schilden verziert. 2) Aehnliche
Form hat das Nationale auf dem schönen Stand-
bild des Heiligen in der Servatiuskirche zu
Mastricht -ff

15. Aus dem Westen müssen wir uns zum
Osten begeben, um das letzte, uns bekannt ge-
wordene Nationale in Augenschein zu nehmen.
Es befindet sich in, Domschatze zu Krakau;
es ist besonders beachtenswert wegen seiner ganz
abweichenden Form. Wir werden es näher be-
schreiben in der Zusammenstellung der uns noch
erhaltenen Rationalien.

Nohnult de Fleury hat außer den hier nuf-
gezählien Bistümern noch einige andere genannt,
welche in, Besitze des Rationale gewesen sei»
sollen, oder doch wenigstens Monumente abge-
bildet, auf denen cs austreten soll; indes in keinem
der von ihm aufgeführten Fällen läßt es sich mit
Sicherheit Nachweisen?) Es handelt sich vielmehr
durchweg um die im 1J. und 13. Jahrhundert üb-
liche Verzierung der Kasel. Denn es besteht be-
reits im 11. Jahrhundert, wie der Kodex der Uota
zeigt, die Gewohnheit, „die an sich einfachen,
»»gemusterten Gewänder an den Rändern und
vor allem um den Hals herum, wie einen Kragen,
durch goldene Besatzstreifen zu zieren. Wir finden
sie bei männlichen und weiblichen Gestalten, und
ivo sie einen größeren Raum gewinnen, werde»
sie durch eiugezeichnete Ringel noch belebt. Diese
Neigung wird im 12. und 13. Jahrhundert be-
sonders in Deutschland sehr allgemein"?) Barbier
de Montault"), welcher unserem Gegenstand wieder-
holt seine Aufmerksamkeit zugewandt hat, glaubte
es sicher in Poitiers Nachweisen zu können an
einer dort aufgefundenen Statue?) Indes nach

’) Georgi, Liturgia Rom. Pontific. I
(1731), 223.

!) Abbild. Re usens, Elements d’archeo-
logie ehret. II, 479.

s) Bock, Liturg. Gewänder 11, 204.

4) Genannt werden z. B. ein Siegel dos Erz-
bischofs Arnold von Trier (ch 1183), des Bischofs
Richard von Avranches (P 1171), eine Bibel aus
Limoges (jetzt Paris), eine Miniatur im Britischen
Museum, die den hl. Gregor l. darstellt, häufig
als Dunstan bezeichnet, das Religuiar des hei-
ligen Renobert zu Barch. Ea Messe, VIII, 703.
pi. 698.

5) Swarzenski, Regensburger Buchmalerei
S. 120. — Die Gewohnheit, den San», der
Gewänder zu verzieren, hat sich bis übers Mittel-
alter hinaus erhalte»; vergl. z. B. die schöne
Kreuzabnahme am Siebeuschmerzenaltar zu Kalkar.
Abbild, bei El einen, Kunstdenkmäler, Kreis
Cleve (1892), S. 63.

6) Parlicularite du costume des eveques de
Poitiers. Bulletin monum. XLIII (1877), 621 SS.,
cfr. ibid. XLVI, 473.

7) Die Verzierung der Kasel au der Hals-
öffnung ist übrigens nicht immer und wahrschein-

der mitgeteilten Abbildung zu urteilen, handelt
es sich hier nur um eine etwas eigentümliche
Form des Amikts, der bekanntlich das ganze
Mittelalter hindurch als ein Kragen über der
Kasel getragen und reichlich ausgestattet wurde?)

Nachdem im Vorstehenden der Versuch ge-
macht ist, die Bistümer zusammenzustellen, in
denen sich mit Sicherheit oder Wahrscheinlichkeit
das stoffliche Nationale dauernd oder vorüber-
gehend Nachweisen läßt, wollen wir jetzt die
Kirchen beziv. Monumente mit dem metallenen
Rationale aufzählen. Hier fließen die Quellen
noch spärlicher und trüber, einmal weil es wohl
iveniger im Gebrauch war, daun weil die Monu-
mente nur in ganz wenigen Fällen es so deutlich
zur Anschauung bringen, daß über die Erklärung
und Deutung kein Zweifel obwalten kann.

Mit voller Gewißheit läßt es sich zunächst
Nachweisen in Reims. Wir haben oben bereits
die Beschreibung des kostbaren und einfachen
Nationale nach dein alten Inventar der Reimser
Kirche angeführt. Interessant ist, wie selbst auf
den Monumenten der Unterschied der beiden Na-
tionalien bemerkbar ist. Die meisten Statuen,
ivie Papst Klemens, die Erzbischöfe am Nord-
portale (13. Jahrhundert) und am Hauptportale
(14. Jahrhundert), sowie Heinrich von Braisne
(>222) tragen mit dem Palliitm das reiche, kost-
bare Rationale, zwei andere sind hittgegen nur

lich überhaupt nicht so oft, wie man ivohl nn-
nimmt, eine Zugabe der Miniaturisten, die
mittelalterliche Kasel trug tatsächlich äußerst
reichen Schmuck. Beachtenswert ist in dieser
Hinsicht das Inventar der Panlskirche zu London
vom Jahre 1295, wo u. a. aufgezählt sind:
Casula de rubeo sameto qui fuit Fulconis epis-
copis, cui apponitur antiquum dorsale colaeri-
gatum interlaqueatum de auro fino, cui in-
serantur quattuor berilli et tres circuli aymal-
lati et quattuor lapides sculpti et quattuor
alemandini et in medio agnus Paschalis. Item
casula Hugonis de Orivalle de albo diaspro
cum pectorali et dorsal! largo de flosculis de
fino auro. Monasticum Anglican. III, 320;
ibid. weitere Beispiele; vergl. Ilucange, Glos-
sarium s. v. pectorale, dorsale. — Noch heute
zeigt eine interessante Kasel im Domschatze zu
Halberstadt eine für unseren Gegenstand be-
merkenswerte Ausstattung. Dieses glockenförmige
Gewand aus dem 14. (?) Jahrhundert ist näm-
lich mit einem kragenartigen Kopfausschnitt ver-
sehen, der um 1100 entstanden sein dürfte, ferner
mit zwei Schulterstücken um 1200. Kragen wie
Schulterstück sind jedenfalls von einer alten, un-
brauchbar getvordeuen Kasel später auf den neuen
Seidenstoff gesetzt. Auf dem Kragen sind in
Goldstickerei Christus und die Apostel dargestellt,
auf den Schulterstücken sind die Heiligen Michael
und Euphemia unter romanischen Rundbogen ein-
gewirkt. Außerdem hat die Kasel als Verzierung
ein Kreuz, das durchaus die Form des Palliums
nachahmt. (Abbild, bei Hermes, Der Dom zu
Halberstadt, 1896, S. 113.) Solche Beispiele
mahuen bei der Bestimmung des Rationale zur
Vorsicht, namentlich wenn es sich um den Schul-
terkragen und die palliumähnliche Form handelt.

’) Vergl. Cerf Le Rational I. c.
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