Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 69
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Herausgcgebeii und redigiert von Pfarrer Dchel >» St. Ltzristiiici-Raveiisburg.

Verlag des Rottenbnrger Viözesan-Ruiislvcreius;
Kommissioilsverlaa von Friedrich Alber i» Ravensburg.

Or. 8.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich siir M. 2.— durch die wiirttembergischen, M. 2.20
durch die bayerischen und die Reichspostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Frcs. 3.40 in
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sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Verlagsbuchhandlung Friedrich Alber in /
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j^arameiitenpracht in deutschen
^railziskauerkonveuten und der
Acnnpf gegen sie.

Aus der Chronik eines Minoriten.

Es ist ein ost wiederkehrender Gedanke,
wenn man auf die kulturhistorische Be-
deut »ug des hl. Franz von Assisi zu
sprechen kommt, das; er einen belebende»,
ja wunderbaren Einfluß ans die Entwick-
lung der Kunst auSübte; „kein fürstlicher
Mäceu" habe die Kunst so mächtig ge-
fördert als Franziskus u n b fei n Orde n
(Frkf. zeitgem. Broschüren, N. F. IV,
H. 4, S. 1k 1). Ja, man geht sogar so
iveit, zu behaupten, Franz habe den alten
Stoff der christlichen Legende (!) als einen
gleichsam ganz neuen der Kunst zugeführt
(Thode).

Dem gegenüber ist vor allem festzu-
stellen, das; Franz persönlich mit Kunst
und Knustentfaltung nichts zu schaffen hat;
er hatte andere Ideale: Armut und
Kreuzesliebe. Wenn er mit persönlicher
Bauarbeit die drei bekannten Kirchlein,
darunter Portiunkula, baut bezw. restau-
riert, so geschah es lediglich dazu, um sie
vor gänzlichem Verfall zu bewahren; zu-
dem glaubte er dabei, einem Ruf von
oben folgen zu müssen (Bonav. Legenda
maior II, 1). Im übrigen hielt er vor
allein streng auf Reinlichkeit der Kirchen,
Sauberkeit der Paramente und des Linnens,
Würdigkeit der eucharistischen Gestalten.
Das hübsche Büchlein »speculum per-
fectioniss, das Sabatier für die prima
vita des Heiligen hält, das aber sicher
aus späterer Zeit stammt, trotzdem aber
Stücke enthält, die der Kompilator aus

den ältesten Quellen herübergerettet hat,
enthält manch' rührenden Zug dieser Ge-
sinnung des Heiligen. Er selbst legt hier
den Besen an zur Reinigung, gibt seinen
Gesellen wiederholt Anleitung, in den
Kirchen auf die Beschaffung sauberer Lein-
wand zu dringen, ja sogar gute Hostien-
backeisen zu verbreiten — eines der letzteren
soll jetzt noch in Rente gezeigt werden.

Freilich, wie in anderen Dingen, so
setzten sich auch auf diesem Gebiet schon seine
nächsten Schüler und Nachfolger in Wider-
spruch mit der Einfachheit ihres Meisters.
Der Prachttempel, den Elias von Cortona
im Einverständnis und mit Unterstützung
des Papstes Gregor IX. ans dein „Höllen-
hügel" bei Assisi erbaute, der dann das Grab
des Heiligen zum „Paradieseshügel" um-
schuf, steht iiu vollen Gegensatz zu der
von Franz gewollten Einfachheit bei Auf-
führung von Gebäuden und Kirchen.

Vergeblich ist der Protest der „echten"
Jünger — eines Leo, eines Aegidius.
Die Zertrümmerung des aufgestellten
Opferstocks durch Leo wird mit körperlicher
Mißhandlung geahndet, uub grollend ziehen
sich die „Genossen" in ihre umbrische
Einsamkeit zurück mit ihrem »beata
solitudo est sola beatitudo« —.

Derweil geht die Entwicklung zur
Kunst und Prachtentfaltung ihren Gang.

Scho» bei der Uebertragnng des Leibes
des Heiligen in die neue Prachtkirche
schickt Gregor IX, wie die drei Genossen
und nach ihnen die Chronik der 24 Ge-
nerale erzählen, eine prächtige crux
gemmata mit vielen kostbaren Festorna-
menten — im Kreuz oben war bereits
ein Kreuzpartikel —, Franz selbst aber
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