Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 72
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fcvmutg vorgenannter vier Gegenstände
nnd der Uebergabe an die Consnln, ins-
gleichen bei der dauernden Fern-
haltnng derselben irgendwie zu hindern.
Gegeben tut Convent von Heidelberg am
3. Dezember 1469. —

Dieses strenge nnd energische Ein-
schreiten gegen die Behaltnng besserer
Paramente macht selbst nnsern Glaß-
berger, der doch auch der Observanz an-
gehörte, hinterdenklich, ttub er fügt fol-
gende wehmütige Betrachtung, die auch
wegen der in ihr enthaltenen Gegenüber-
stellung von französischem nnd deutschem
Klerus interessant ist, ans eigenem hinzu:
„Gut! Mag anders denken, wer will;
jeder hat seinen eigenen Geschmack. —
I ch aber meine, Chormäntel zu haben,
die der Kirchenjahrszeit und dem heiligen
Ort entsprechen und Gott zur Ehre ge-
reichen, ist auch in der regulierten Ob-
servanz nicht nur nicht unerlaubt, sondern
auch ganz am Platz, damit die Unge-
bildeteren unter beut Volk, welche Gott
nnd seine Größe nur durch den Anblick
von äußerlichen Formen zu schätzen ver-
mögen, ans der Majestät des äußeren
Gottesdienstes, die Größe nnd den Ruhm
dessen, der mit diesen Dingen geehrt wird,
einigermaßen erkennen, ihn fürchten, ehr-
erbietig verehren, lieben nnd auf beiu
Weg der Schönheit kirchlichen Schmuckes
zur Sehnsucht nach der unsichtbaren Schön-
heit des Himmlischen angeleitet werden.
Wer weiß denn nicht, daß die Volksmassen
(plebes) Galliens (Frankreichs) darum
von Gott fast nichts wissen, unzähligen
abergläubischen Gebräuchen ergeben sind,
Kirche nnd Klerus für nichts achten und
den Lastern dienen, weil die Kirchen bei
ihnen ohne alle Pflege, ihre kirchlichen
Gewänder nnd die Gefässe, die zum Gottes-
dienst gehören, so geling, schmutzig und
wertlos sind, daß sie, ich ivill nicht sagen
den sie Benutzenden, sondern schon denen,
die sie anschauen, Schrecken einflößen. —
Ihre Altäre sind entblößt nnd starren vor
Schmutz, ebendort wird ans Bildwerken
weder Gott noch den Heiligen Raum
gegeben, die Pallen (pallae) und hei-
ligen Gewänder sind zerrissen, verfault
— ein langes, volles Jahr (»Platonis
annus«) verschlingt kaum ein einziges
Pfund Wachs bei der Feier der göttlichen

Geheininisse, nnd dies in vielen Kirchen.

— Darum wendet das Volk den Kirchen
den Rücken, hängt sich nur an Irdisches,
hat über Gott und das zukünftige Leben
völlig heidnische Ansichten. So, glaube
ich, kommt es, daß die Väter jener
Landesteile, die zeitweise nach Deuts ch -
l a n d — wo der Gottesdienst sehr feier-
lich ist, tuo das katholische Stadtvolk die
Kirchen, die sehr schön nnsgestattet sind
ilnd der überirdischen Schönheit, die
Gegenstand unserer Sehnsucht sein muß.
Zier vor Angen stellen, sehr gern besucht,
nw der Glanz der heiligen Kleider und
Gefässe sehr groß ist — herüberkommen

— wenn sie derartige bei ihnen unge-
wöhnliche, von uns aber zum Dienst gött-
licher Majestät zngelassene Ausstattung
sehen, uns der llebertriebenheit nnd des
Uebetmaßes anklagcn — wobei sie erst
nicht die besonderen Verhältnisse der Ge-
genden in Rechnung ziehen, daß nämlich
das, was w i r Franziskaner beim
Gottesdienst benützen, noch gering und
bescheiden ist im Verhältnis zu dem,
was ändere Kirchen unseres deutschen
Landes besitzen, und daß w i r im Ver-
gleich mit jenen geradezu arm sind. Denn
daraus, daß die Kathedralkirchen in Frank-
reich das nicht haben, was wir, folgt noch
keineswegs, daß wir Uebertreler der Armut
sind; denn wenn s i e das nicht haben,
so ist daran nicht Liebe z n r A r m n t,
sondern Mangel an Religion im Volk
schuldig — der französische Priester
zelebriert mit einem Kelch aus Blei,
sein Gold legt er in Wein an!
soll also ich deutscher Priester über-
trieben sein, weil ich den allerheiligsten
Leib des Herrn in goldenem Kelche be-
handle ! ? Das sei ferne! llnd so steht
es ancb sonst!"

Hiemit schließt Glaßberger seine eigene
Betrachtung, die uns eine erwähnenswerte
Gegenüberstellung französischen und deut-
schen Kirchenwesens damaliger Zeit gibt.
Offenbar ist sie auch ein scharfer Aus-
fall gegen den bnrgnndischen Gencral-
vikar.

Derselbe visitiert um die gleiche Zeit
in Nürnberg nnd befiehlt, die Schilde
an den Meßgewändern abzunehmen. Das
lassen sich aber die Nürnberger Patrizier
nicht gefallen ttub erheben — nicht wenig
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