Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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großes Deckengemälde „Mariä Krönung"
in Fresko im Chor der Pfarrkirche Etten-
benren. Aber wie so manchem andern
drohte auch nnserm Künstler die Gefahr,
ein Opfer der Fabrikkunst zu werden ; doch
rang sich sein idealer Eifer immer wieder
durch. Er ist reifer, gewandter und all-
seitiger geworden, die Innigkeit in seinen
Bildern hat sich vertieft und der seelische
Ausdruck in seinen Köpfen lassen uns sein
tiefes künstlerisches Empfinden ahnen.
Dieses sein künstlerisches Können und Em-
pfinden zeigt uns gerade auch der schöne
Z y k l n s a n s d e m L e b e n d e s h l. M a r -
tinns, den er im Sommer vorigen Jahres
in unsere Kirche nach Hörbrnnz geliefert
und den wir nun des näheren betrachten
wollen.

Von den drei Hauptbildern zeigt das
erste jenen Vorgang, wie der hl. Mar-
tinns seinen Mantel mit einem
Bettler teilt.

Wir sehen den Heiligen als jungen Sol-
daten im Alter von 17 bis 18 Jahren
vor das Stadttor von Amiens hinaus-
reiten, wo er bei strenger Winterkalte einem
halbnackten Bettler begegnet, der ihn um
ein Almosen bittet. Ct. Martinns, der,
wie sein Biograph Snlpicins Severus
sagt, „weder Geld noch Lebensmittel bei
sich hatte, teilt mit diesem Armen aus
Mitleid seinen roten Soldatenmautel mittels
seines Schwertes, um ihn wenigstens vor
der grimmigen Kälte zu schützen". Es ist
interessant, diese Komposition mit der
gleichnamigen Fugels in der Stadtpfarr-
kirche zu Wangen zu vergleichen („Archiv"
1902 Nr. 12). Unserem Meister Müller
war der Flächeninhalt znm voraus gegeben
und er mußte daher sehen, wie er die
Darstellung in den für sie bestimmten Raum
hiueinkomponiere, der sehr groß war. Er
hat daher dem Bettler noch eine kleine
Gruppe beigegeben, eine Frau und ein
Kind, die zwar in keiner Lebensbeschrei-
bung genannt sind, aber doch eine ganz
passende Beigabe sind, um das Bild zu
beleben. Das Kind, in flüchtiger Stellung,
klammert sich an die Mutter an, während
diese kuiend zum Heiligen hinaufschaut.
Unter dem antiken Stadttor von Annens
sehen wir rechts einige vornehme römische
Patrizier, echte Lebemenschen, stehen, die
soeben dem Heiligen begegnet waren und

jetzt seine Mildtätigkeit verspotten. Diese
Figuren, zur Hauptgrnppe hinzugedacht,
beleben günstig auch diese Seite des Bil-
des. Weiter im Hintergrund sieht man
noch zwei weitere Soldaten, Kameraden
des hl. Königsmannes, die Straße hinanf-
reiten. Die Wintermorgenstimmung, die
über das Ganze ausgegossen ist, zeigt vor-
zügliches künstlerisches Vermögen. Um
einen tüchtigen malerischen Effekt zu er-
zielen, hat der Künstler das Pferd und
die ganze Hauptgrnppe als dunkle Masse
von dein lichten Hintergründe der Schnee-
landschast sich abheben lassen.

Das zweite Hanptbild zeigt den Tr a u m
des Heiligen.

Als der hl. Martinus dem Bettler den
Mantel geschenkt hatte, erscheint, wie sein
Biograph weiter erzählt, in der darauf-
folgenden Nacht demselben int Traum der
göttliche Heiland, umgeben von mehreren
Engeln, in einer Glorie. Christus, auf
einer lichten Wolke thronend und halb-
nackt, zeigt seinen heiligen Engeln, die den
Herrn in ehrfurchtsvoller Haltung anbeten,
das Mantelstück, welches der Heilige Tags
zuvor dem Bettler schenkte, mit den Worten:
„Martinus, der Katechnmene, hat mich mit
diesem Gewände bekleidet". Mit der linken
Hand weist der Heiland auf den unten
schlafenden Heiligen hin, mit der Rechten
hält er das Mantelstück. Zwei Engel links
halten das Kreuz Christi, als das Er-
lösungszeichen, während die zwei oben auf
Wolken schwebenden Engelchen sich über
diese herrliche Erscheinung freuen, die
dem hl. Martinus zu teil wird. Es sind
hier gerade besonders die schönen und
lieblichen Engelsgestalten, die reiches Leben
in die Komposition bringen.

In dein dritten Hauptbilde ist die
Verherrlichung des hl. Martinns
dargestellt.

Er kniet als Bischof ganz im Vorder-
gründe auf den Wolken und schwebt, von
Engeln und Erzengeln umgeben, in den
Himmel hinauf; mit ausgebreiteten Armen
dakniend, schaut er in dieser verklärten
Stellung hinauf zur heiligsten Dreifaltig-
keit, die in himmlischem Lichtglanze thront.
Vor dem Heiligen kniet ein Engel mit dem
geöffneten Buche des Lebens, in dem die
I Worte stehen: „Selig sind die Toten, die
im Herrn sterben, denn ihre Werke folgen
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