Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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kniet im Vordergrund und dankt Gott für
die Wohltat, die er durch den Heiligen
dem kranken Kinde erweist. Ine Hinter-
gründe nähert sich bereits ein anderer
Kranker, ein bresthafter Mann mit Krücken,
der ebenfalls von dem Heiligen geheilt zu
werden wünscht.

6. Der Tod des hl. Martinns.
In feinem armseligen Mönchsgewande—
obwohl Bischof — liegt der Heilige ent-
seelt auf dem mit Asche bestreuten Boden.
Von seinem Haupte wie von seinem hei-
ligen Leibe geht ein verklärender Licht-
glanz aus. Die Mönche umstehen den
verklärten Leichnam, andere flehen den
Verstorbenen um seine Fürbitte an. Daß
der hl. Martinns wahrend einer Reise
in einem Privalhanse gestorben ist, deutet
der Künstler dadurch an, daß eine Frau
mit einem lieblichen Kinde zu Füßen des
Toten kniet und betet.

(Fortsetzung folgt.)

Ergänzungen ztt dein Artikel über
§öwe und Hund an den Eakrainents-
häuschen.

Von Pfarrer Reiter.

Wir haben in Nr. 6 des „Archivs"
von 1903 einige Sakrainentshäuschen
genannt, an deren Gesimse Hund und
Löive lagern. Dabei haben wir die Ver-
mutung ausgesprochen, daß es Ivohl noch
andere Wandtabernakel geben dürfte, an
welchen die genannten Tiere angebracht
sein werden. Eine Bestätigung dieser
Vermntilng empfingen wir vor einiger Zeit
beim Besuche der evangelischen Michaels-
kirche zu Oberiflingen, OA. Freudenstadt.
Dort hat sich noch ein aus dem Jahre 1515
stammendes Sakramentshänschen erhalten.
Wegen der in den Chor eingebauten Orgel
kann man dasselbe nicht recht besichtigen,
doch vermochten wir trotz der Dunkelheit
ans dem Tabernakelrand die Bilder von
einem Hund und einem Löwen wahrzn-
nehmen. Tie Tiere sind größer und
deutlicher als die in Stetten bei Hechingen,
auch scheinen sie so dargestellt zu sein,
daß man aus der Art und Weise ihrer
Darstellung ans eine gewisse Wut der
Tiere schließen möchte: wir haben in
Oberiflingen wohl einen bellenden Hund
und einen brüllenden Löwen vor uns.

I Und dieser Umstand legt den Gedanken
nahe: Wie wäre es, wenn diese Darstellung
znrückgeführt werden wollte auf den
21. Psalm, wo der Psalmist fleht, der
Herr möge seine Seele (Einsame) der
Gewalt ves Hundes entreißen und ihn aus
dem Nachen des Löwen erretten? Wir
hätten dann unter der Voraussetzung, daß
das eine Tier an dem Sakrainentshäuschen
von Sulz, OA. Nagold, ein Einhorn oder
einen Einhörner darstellen sollte, auch
hiefür eine Erklärung (das geflügelte Tier
links würde ein Rätsel bleiben) im Hin-
blick ans den genannten Vers, wo der
Psalmist noch weiter bittet, Gott möge
seine Niedrigkeit von Einhornshörnern
retten.

Wir verhehlen uns nicht, daß unsere
Annahme ans einem unsicheren Grunde
ruht, möchten abergleichwohl noch folgendes
zu bedenken geben. — Ist das allerheiligste
Sakrament des Altars eine memoria
passionis, so kann auch das Sakraments-
häuschen als memoria passionis bezeichnet
werden. Damit wäre dann die Berufung
auf den geheimnisvollen 21. Psalm von
selbst gegeben, welcher die Passion Christi
schildert und in seinem dritten Teil aus-
klingt in herrlichen Accorden auf Christi
encharistische Gegenwart („In medio ecc!e-
siae laudabo te" — Vers 23), sein
hl. Opfer („Vota mea reddam in con-
spectu timentium eum" — Vers 26)
und seine gnadenreiche Hingabe in der
hl. Kommunion.... („Edent pauperes
et saturabuntur" — Vers 27). Wahrlich
des Herrn ist die Erde, und er wird
herrschen auch über die Heiden, nachdem
er sie aus der Gewalt des schamlosen
Hundes und des mörderischen Löwen
erlöset hat. Vielleicht darf noch daraus
hingewiesen werden, daß der 21. Psalm
am Gründonnerstag bei der Entkleidung
der Altäre gebetet wird, während einzelne
Verse ans ihm von dem Passionssonntag
ab beim Breviergebet zur Anwendung
kommen.

So wären also möglicherweise die
früheren Deutungen, wie sie in Nr. 6
des „Archivs" gegeben sind, unrichtig und
unhaltbar? Wir glauben, daß alle Den-
tnngen recht gut neben einander bestehen
können und möchten zur teilweisen Recht-
fertigung dieses unseres Glaubens ans
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