Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 78
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bei' Schrift des I. Görres „Glauben und
Wissen" noch einige interessante Worte
anführen, welche zwar nicht unmittelbar
ans unsere Frage passen, aber immerhin
auch in unserem Fall Beachtung verdienen.

„In der Kunst, wie sie auf der höchsten
Stufe des Endlichen im Schoße der Ein-
bildungskraft geboren wird, ist das Dringen
alles Irdischen in die Tiefen des unend-
lichen Gemütes dargestellt. . . . Nicht Helle
Klarheit soll daher von den Kunstgebilden
strahlen, nicht durchsichtig soll ihr innerstes
Wesen sich dem schauenden Blicke erschließen;
eine liebliche Dämmerung, ein gefälliger
Schein soll nur um ihre Oberfläche spielen,
und eine gediegene Fülle soll aus ihnen
uns ansprechen und uns in ihre uner-
gründliche Tiefe laden: ein unsichtbares
Wesen muß die Kunst an uns vorbei-
fließen , ein verborgener Strom soll sie
dahinranschend sich bewegen, aber die
Wellen dieses Stromes, wie sie vorbei-
gleiten, sollen alle Gestihle regen, alle
Effekte wecken, vor allem das tiefe, uner-
klärbare Sehnen, das uns weiter und
immer weiter in die Ferne zieht und
windet. Mine Individualität, gediegene
Fülle ist daher das Wesen der Kunst, und
das zauberische Zwielicht, das sie umgibt,
ist ihre eigenste Natur, und das Nätsel-
haste. Tiefverborgene und Unaussprechliche
ist ihr Reiz. . . .

Jedes Kunstwerk nluß einen gleichen
Schwerpunkt in sich tragen, damit es in
Rührung uns bewege: mit wenigen Zügen
muß es die Ahnung einer fernen Ver-
borgenheit in ilnserer Seele wecken, hinter
dem Ausgesprochenen muß ein Unaus-
sprechliches wie ein zarter Nachklang
schweben; als Andeutung muß es eine
unsichtbare Masse in sich umschließen, von
der, wie von einer fernen Unendlichkeit,
unser Gemüt sich unendlich angezogen
fühlt."

Das Rationale in der abendländischen
Airche.

Von Beda K l e i n s ch in i d t O. F. M. in
Aniaseno (Italien).

(Fortsetzung.)

l. Der B a >ii b e r g e r Doinschatz ist im Be-
sitze des ältesten Superhumerale, das sich er-
halten hat. Bock entdeckte es bei dein Studium ;
der altehrwürdigen Kunstschätze aus den Zeiten I

Heinrichs II.; es befand sich als Verzierung auf
einer alten Kasel aus dein II. Jahrhundert,
deren Purpurstoff tut 15. Jahrhundert durch ein
reiches Daniastgeivebe ersetzt wurde. Lei dieser
Gelegenheit benutzte inan das alte Nationale,
eine reiche Goldstickerei, als Verzierung der Kasel
und so wurde das kostbare Monument erhalten;
es hat allerdiiigs sehr stark gelitten. Es besteht
aus zwei rechteckigen Stickereien, ivelche Rücken
und Schultern bedecken. Jeder Teil wird von
zwei kurzen, schmaleii Bändern begrenzt, beide
Teile werden durch zwei runde Schulterstücke
zusamiuengehalte». Die figürlichen Darstellungen
der Schulterstücke erinnern durchaus an das
levitische Superhumerale, es stellen nämlich die
Figuren die zwölf mit Namen bezeichneten Söhne
Israels vor. Auf dem Vorderteil sieht man nach
Pfister Elisabeth mit dem hl. Johannes, Maria mit
Christus (?), umgeben von der Inschrift: Veriias
et iustitia obviaverunt sibi, pax et miseri-
cordia osculaiae sunt; außerdem noch zwei ein-
ander berührende Köpfe, das alte und neue
Testament. Die Mitte der Rückseite wird von
dem apokalyptischen Lamme eingenommen, um-
geben von vielen Spruchbändern, weiterhin von
den Evangelistensymbolen. Darunter befi»det,sich
ein Untier, wohl ein Symbol der Hölle, welches
die Kirche zu verschlingen droht. Oberhalb des
Lammes erscheint zwischen zwei Engeln der Hei-
land in der Mandorla. Die begrenzenden Bänder
tragen Brustbilder der sechs Apostel Petrus,
Jakobus, Thomas, Paulus, Philippus und
Matthäus. Die Goldstickereieit sind auf roter
Seide ausgeführt. Noch heute sieht man an den
Goldborten die Stelle, wo ehedein die Glöckchen
angebracht waren. Das Monument gibt uns ein
wertvolles Zeugnis für die Form des Nationale
in den ältesten Zeiten, es bezeugt die Form des
Schultergewandes neben dem Schulterbaude.')

2. R e g e us b u r g — so manches Jahrhundert
im Besitze des Nationale — hat noch heute ein
kostbares Superhumerale aus frühgotischer Zeit,
das etwa um 1230 entstanden sein dürfte. Die
in Bamberg noch nicht vollständig entwickelte
Form tritt uns hier in besserer, gefälligerer Aus-
bildung entgegen. Auch das Regensburger Monu-
ment ist ein Superhumerale, es besteht aus
einem Brust- und Rückenstücke, die durch zwei
scheibenförmige Achselstücke miteinander verbunden
sind. Der Fortschritt in der Ausbildung der
Form besteht in der Verlängerung der Behänge.
Die Anordnung der figürlichen Darstellungen ist
im wesentlichen dieselbe wie in Bamberg. Auf
dem Rückenteile sieht man das apokalyptische
Lamm und darüber den Heiland in der Glorie.
Das Lamm mit der Siegesfahne ist umgeben
von den Worten: Uignus est aperire librum et
signacula eius. Der Heiland hält das mit Siegeln
verschlossene Buch in der Rechlen, in der Linken
ein Seepter. Ztl beiden Seiten dieser Dar-

') Pfister, Tom von Bamberg, S. 61 ff.
Gute Abbild, in „Zeitschr. für christl. Kunst",
a. a. O. I. 111. E. Martin hat jüngst das
alte Ornatstück nur als eine Verzierung der Kasel
erklärt, wohl mit Unrecht. Vergl. Revue de l’art
chr^tien, 1608, 36.
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