Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 81
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ljcransgegebeii »nd redigiert von jdfarrcr vehel i» St. Lhristiiia-Raveiisbiirg,

verlog des Rotteubiirger Diözesaii-Knustvci eins;
Kommissionsverlag von Friedrich Ul er in Ravensburg.

Erscheint monatlich einmal. Halbjährlich für M. 2.— durch die württemberqischen, M. 2.20
r\ durch die bayerischen und die Reichsyostanstalten, Kronen 2.54 in Oesterreich, Fr cs. :Z.40 in
[F' L < v) der Schweiz zu beziehen. Bestellungen werden auch angenommen von allen Buchhandlungen fQO/1

' sowie gegen Einsendung des Betrags direkt von der Verlagsbuchhandlung Friedrich Alber in S 1 *

Ravensburg (Württemberg) zum Preise von M. 2.05 halbjährlich.

Die „große berliner Xunstausstel
lttng" uild die christliche Kauft.

Von Prof. Pr. I. Rohr in Breslau.

Der Berliner sagt dem Provinzialen
nach, er könne nicht einmal den Namen
der Neichshanptstadt richtig anssprechen.
Umgekehrt ivird der Provinziale gern zn-
geben, daß der Berliner noch verschiedenes
andere UnanSsprechliche eigen hat außer
dem Namen seiner Heimat. Eines aber
mnß jeder anssprechen und anerkennen:
in Berlin versteht man sich ans die Re-
klame, wie kaum irgendwo. Das zeigt
schon ein Blick ans nnsern Katalog.
„Große Berliner Knnstansstellnng" lautet
sein Titel. Eine gewisse Berechtigung ist
ihm nicht abznsprechen. Er weist hin ans
die kleineren Konkurrenten und stellt sich
in Gegensatz zu denselben, und beruft sich
ans die 2171 Nummern, die er umfaßt.
Das null etwas heißen, und wenn man
sich durch alle die Herrlichkeiten hindurch-
gearbeitet hat, sagen's einem die Kopf-
nerven noch deutlicher als der Katalog.
Allein der Münchener Glaspalast birgt
gewöhnlich noch einige Nummern mehr oder
mindestens cbcnsoviele, und doch lautet sein
Titel bescheidener. Drum sind wir eben
in Berlin, wo alles gleich „großartig"
ist, ans dem Gebiet der Kunst umsomehr,
als die Knnstpflege in Spree-Athen erst
Verhältnismäßig spät eine Heimstätte ge-
funden hat lind trotzdem schon vor Jahren
ein Sieg über die Rivalin an der Isar
der staunenden Welt verkündet wurde,
lieber letzteren Punkt haben wir lins nicht
zu äußern, umsoweniger, als die Mün-
chener selber eine sehr deutliche Antwort

gegeben haben. Wir anerkennen auch
gern, daß in Berlin gearbeitet wird, und
trotz der Erörterungen, die sich an die
Siegesallee, an die Ausstellung in Ame-
rika, die Namen A.v. Werner und L. Knaus
knüpften, kann man dieser Arbeit den Er-
folg nicht absprechen. Jedoch für die
religiöse Knust, vollends im katholischen
Sinn, wird man von Berlin her vorerst
— und vielleicht überhaupt nie viel er-
warten. Der protestantische Charakter der
Hauptstadt und des Hinterlandes bringt
das mit sich. Der Bildersturm ist ja
freilich längst vorüber und die Bilderscheu
ist glücklich überwunden. Allein die Ver-
werfung der Heiligenverehrung, die Platz-
verwertung in den alten und die ganze
Anordnung in den neuen protestantischen
Kirchen und dazu der nüchterne Charakter
der Nordmänner, alles das zusammen er-
öffnet der christlichen Kunst keine allzu-
günstige Perspektive. Tatsächlich sind es
denn auch nur verschwindend wenige Num-
mern der „großen Berliner Kunstausstel-
lnng", die für uns in Frage kommen,
und selbst hier weisen in manchen Fällen
die Namen der Künstler oder, bei Schil-
derungen kirchlichen Lebens, die Schau-
plätze der Sujets in katholisches, süd-
oder westdeutsches Gebiet im weitesten
Sinne des Wortes. Auch die Sympathien
des Publikums bewegen sich in einer ganz
andern Richtung. Man darf ja freilich
die Kaufkraft eines Gemäldes nicht einzig
nach der Menge seiner Beschauer beur-
teilen, und die Kaufkraft selber ist noch
kein unfehlbarer Gradmesser für den ob-
jektiven Kunstwert, aber ganz ohne Be-
deutung ist es doch nicht, wenn man, wie
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