Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

Seite: 83
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Kirche in Amorbach, von Fritz Werner;
dir. 949 von Adolf Schill: Kirchen-
inneres (S. Pantaleone) Venedig und
Nr. 950 von demselben: in der Markus-
kirche, Venedig; Nr. 968 von Max
Schlichting: Inneres der Markuskirche.
Es ist bezeichnend, das; in zwei Fallen
ein »nd dieselbe Kirche von verschiedenen
Künstlern behandelt worden ist, und es
ist kein Zufall, daß das eine eine reich
gehaltene Barockkirche, das andere ein
Kabinettstück mittelalterlicher Bau- und
Jnnenknnst ist. In der Tat ist es eine
sehr lohnende Aufgabe, hier wie dort die
monumentale Architektur im Glanze einer
reichen Jnnenansstatlnng und im Glorien-
schein einer herrliche» Beleuchtung darzu-
stellcn, und bei sämtlichen Nummern hat
sich eine tüchtige, wenn auch nicht bei
allen eine gleich tüchtige Kraft in den
Dienst der Sache gestellt — und doch hat
man das Gefühl, als ob sich ans dein
Problem noch mehr hätte machen lassen,
namentlich wenn man an die Kirchen-
intericnrs der alten Nieder- bezw. Hol-
länder denkt.

Nein äußerlich betrachtet reiht sich hier
dir. 1069, Franz Skarbina, die Vellehem-
kirche am heiligen Abend an, und doch
ist ein großer Unterschied, und nicht bloß
der zwischen Interieur und Exterieur,
dort die feierliche Ruhe weiter Hallen,
hier der Drang der Menschcn nach dem
Gotteshanse, dort Sonnen-, hier künst-
liches Licht, sondern cs redet hier vor
allem das Gemüt mit; es ist Weihnachts-
stimmnng, rnid cs ivürde einem treulich
und feierlich zugleich zu Blute, auch wenn
das Ringen zwischen dem Licht aus den
erhellten Kirchenfenstern und der Dämme-
rung auf der Straße weniger virtuos be-
handelt wäre.

Sicherlich nicht der Kirche zulieb, aber
auch nicht der Kirche znleid, wurden
Nr. 49: W. Beckmann, Kapnzinerkloster
in Amalfi und Nr. 64: A. Bertrand,
sinkende Sonne, gemalt. Fesselt dort vor
allem die herrliche Natur, so ist's hier
der Friede und das Behagen, das aus
dem seine Blumen im schattigen Kloster-
gniten begi-ßenden Mönch redet, während
die Sonne die Zinnen vergoldet. Es
hat ja leider Zeiten gegeben, wo bei
Schilderungen des Klosterlebens die Satyre

oder gar der Haß den Pinsel geführt hat.
Nicht so ganz harmlos blickt der Bettel-
mönch von F. Parczka (Nr. 843) in die
Welt, sein Gang hat etwas Schleichendes
und sein Blick etwas Pfiffiges, fast
Lauerndes. Allein Humor ist auch für
den Kuttenträger keine Sünde und eine
gewisse Gewandtheit, wo nicht Gerieben-
heit mag sich bei häufigem Terminieren
immerhin heransbildeu. Ein Stück Tanben-
einfalt und Schlangenklugheit ist hier mit
Geschick dargestellt. Auch aus Nr. 708
von W. Löwith redet nicht viel Ascese,
ja nicht einmal Modestie; aber warum soll
ein hoher kirchlicher Würdenträger und
sein Begleiter nicht herzlich lachen dürfe»,
wenn einmal ein „lustiger Besuch" int
Reiterkostüm beim guten Wein der geist-
lichen Herren warm wirb und ein keckes
Neiterstücklein zum besten gibt? Wäre
er noch Alumnus, so wäre das unter
Umständen etivas anderes. — Ein sach-
lich durchaus würdiges und künstlerisch
tüchtiges Bild ist das von W. A. Wrage,
Nr. 1184, „Raritäten": ein Mönch
mitten in der genialen Unordnung von
alten Urkunden, Bildern, gemalten Fenstern
und Statuetten. Auf den, der die Ge-
schichte des Vatikanums kennt, macht das
„Bildnis des Kardinals Ludwig v. Hay-
nald, Erzbischof von Kalocsa" von Michael
v. Mnnköcsy (Nr. 797) einen liefen Ein-
druck, auch wenn er kein Auge hat für
dessen künstlerische Vorzüge.

Wie unendlich viel Poesie, malerischer
Reiz und künstlerische Anziehungskraft dem
kirchlichen Leben in seinen verschiedenen
Aenßerungen innewohnt, zeigen Bilder wie
Nr> 462: „Wallfahrtskirche in Ober-

bayern" von Franz Hoch; Nr. 239:
„Wallfahrtskirche" von G. H. Engelhardt;
Nr. 95: „Umzug am Marientag im Ge-
birge" voll C. Breitbach; Nr. 1190:
„Ankunft der Wallfahrer" von Th. Zein-
plcnyi; dir. 869 : „Rückkehr der Wall-
fahrer" von H. Poll; Nr. 494: „Zn
spät" von C. Jacoby (ein Priester kommt
mit dem Allerheiligsten zum Versehen,
während der Kranke eben verschieden ist).
Etwas besonders Wichtiges ist es gerade
nicht, wenn ein Millistraut die Kerzen an-
zündet in einem einfachen Laudkirchlein
und ein paar Gläubige mif den Beginn
des Gottesdienstes warten. Und doch hat
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