Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 22.1904

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von Aulun, der möglicherweise das Bamberger
Nationale selbst gesehen hat. Dargestellt ist ein
König ans dem bcrcalum 8alomonis, ans dem
genannten Monumente als »Rex päcificüs« be-
zeichnet. Nach Honorius ist der König niemand
als Christus selbst, der -vems paclfius-, Das
-lerculum- oder den »lectulus- erklärt er als
die Kirche, in welcher der Heiland nach der Ver-
treibung durch die Synagoge „durch den Glau-
ben" ruht. Die gläubige Seele, welche dem
Herrn „das Nuhelager" bereitet, ist dargestellt in
der mittler», als „Königin" bezeichnete Person.
„Zu dieser innigen Vereinigung mit Christus
ladet die Kirche alle ein, Juden und Heiden,
damit sie durch den Glauben zu ihr kommen und
durch die Liebe in ihr ruhen." Die aus deiu
Judentum und Heidentum berufenen Seelen wird
man in de» beiden zu Füßen der „Königin" an-
gebrachte» Halbfiguren erkennen dürfen, wenn
man sie nicht, wie Pfister und Braun tun, als
Maria und Martha erklären muß, als Reprüsen-
tanteu des beschaulichen und tätige» Lebens.
„Die silberne» Säulen, welche das Haus der
Kirche stützen, sind die Apostel und deren Nach-
folger" ; auf unser» Nationalien ist das Kollegium
der 'Apostel durch die beiden Fürsten der Apostel
vertreten, die neben den Säulen stehen, hier
Petrus, dort Paulus. „Auf denc purpurnen Auf-
stieg steht der Chor der Märtyrer, durch das
eigne Blut purpurrot gefärbt"; hier besteht dieser
„Chorus" aus zwei Personen, die rechts auf dem
Aufstieg sich befinden. „Einige aber sind durch
die Werke der Liebe Töchter Jerusalems, weil
mau auch durch harte Tugeudübung, ohne Ver-
gießung des BlutesMartyr wird"'); hier ist es
der Liebesjünger Johannes, der auf der linken
Seite des Aufstieges Platz genommen hat. Sv
bildet also die Vorderseite der drei Nationnlien
eine prachtvolle Illustration der Allegorie von
der innigen Vereinigung der gläubigen Seele
mit dein göttlichen Heilande, worin der Bischof
allen Christen als Vorbild vorangehen muß, die
himmlische Vereinigung aber wird auf der Rück-
seite dargestellt durch den Hinweis auf die Hoch-
zeit des Lammes2) zugleich mit der Mahnung
an den Bischof, die ihnen anvertrauten Seelen
in aller Weisheit zu regieren und der ewigen

') Honorius Augustud. Expositio in Can-
tica cant. c. 5.: «Salomon est Christus verus
pacificus, qui omnia pacificat in coelis et in
terris, cuius lectus est ecclesia, in qua ipse
per fidem requiescit pulsus de synngoga ....
Ecclesia gentium, lectus Christi et domus con-
vivii facta, omnes de Judaeis et gentibus in-
vitat, ut per fidem veniant in se, per dilectio-
nem requiescant .... Columnae quae haue
domum (Ecclesiam) sustentant argenteae, sunt
apostoli et eorttm successores apostoli praedi-
catione recti eloquenlia et vita mundi, qui
verbo et exemplo sustentant domum domini
. . . In hac ascensus purpureus est marlyrum

cliorus, proprio sanguine purpuralus ....
quodammodo ascendit, qui per a-.dua virlutum
gressus molitur, mox a malis persecutionem
patitur et sine sanguin's effusione martyr effi-
citur. Migne, 1\ L. 172, 404 ss.

2) Apokalypse, 19, 7.

Hochzeit entgegenzuführcn. Das dürfte im wesent-
lichen nach dem Sinne der mittelalterlichen Litur-
giker die Symbolik jener prachtvollen Darstellung
und zugleich des Rationale selbst sein.

IO. Das Natiouale in der Gegenwart.

Manches Jahrhundert ist das Nationale nach
dem Zeugnisse der Monumente in verschiedenen
Kirchen in Gebrauch gewesen, in einigen scheint
es nur kurze Zeit getragen worden zu sein, aber
fast für alle kam früher oder später die Zeit,
wo man die alte, ehrwürdige Jnsignie nicht mehr
zn schätzen wußte. Man gab sie deshalb auf.
Nur wenige Bischofssitze behielten sie bei, nach
der gewöhnlichen Annahme nur Eichstätt und
Paderborn. Tatsächlich aber sind noch zwei hin-
zuzufügen, nämlich Krakau und Toul-Nnney.

Eick)stätt hat stets treu festgehnlten nu seinem
uralten Vorrechte; die Zurückführung auf den
hl. Willebnld mochte ein Grund dafür sein. Am
4. Juli >745 bestätigte Papst Benedikt XIV. dem
Bischof von Eichstätt den Gebrauch des 'Natio-
nale für alle Zeiten. Und an allen hohen Fest-
tagen macht der Bischof von seinem seltenen
Vorrechte Gebrauch.

In Paderborn scheint die Hochschätzung des
Nationale nicht so groß gewesen zu sein, sonst
ließe sich der Mangel an Monumenten kaum er-
klären. Allerdings ist der Dont auch arm an
alten Grabdenkmälern, auf denen wir cs am
ehesten erwarten könnte». Vielleicht hatte man
sogar zeitweise darauf ganz verzichtet, weshalb
der tüchtige Fürstbischof Ferdinand I I. von Fürsten-
berg von Alexander VII. am 6. März 1006 die
Bestätigung des alten Privilegs erwirkte und
ein neues Nationale anfertigen ließ. Unter Bi-
schof Simar wurde dieses Renaissance-Nationale
einer Nestauration unterworfen und regelmäßig
ivird es an den festgesetztcli Feiertagen von dem
Bischof getragen.

Was Krakau anlangt, so bedient sich dort der
Bischof nicht, wie Bock meint, eines Palliums in
Form eines Rationale, es ist vielmehr wirklich
etn Rationale, das mit dem Palliutu nichts zu
tun hat. Der Bischof trägt es, so oft er feier-
lich die heilige Messe zelebriert, aber nur inner-
halb der Kathedralkirche, nicht bei feierlichen
Blessen außerhalb derselben, was allerdings auch
in Paderborn nicht geschieht, obwohl es nach dem
Wortlaute der päpstlichen Bulle gestattet ist.

Non besonderem Interesse ist der Gebrauch
des Nationale in Nancy-Toni. Der Bischof von
Toul trug das Nationale bis zum Anfang des
18. Jahrhunderts. Damals (1708) schreibt der
Benediktiner de Bert, die Bischöfe von Toul
hätten sich ehedem des Nationale bedient, ebenso
berichtet Calmct in einem Briefe vom 14. Jan.
1720 an Montfauco», während das 1700 gedruckte
Cäremoniale den Gebrauch der Insignien noch
vorsieht. 180l wurde das Bistum Toul unter-
drückt, 1817 aber wieder errichtet und sofort mit
Nancy vereinigt. Als Bischof Menjaud von Toul-
Nancy 1851 eine Diözesansynode hielt, kam auch
das uralte Privileg von Toul, das Superhumerale,
zur Sprache; es fand eifrige Verteidiger, und
bereits am Pfingstfeste des folgenden Jahres
zierte es nach langer Unterbrechung wieder den
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